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Anstieg anderer Krankheiten durch Corona

Menschen auf der ganzen Welt haben nicht nur an an Covid-19 und dessen Folgen zu leiden. Die Pandemie bringt auch Konsequenzen für die Entdeckung und Behandlung anderer Krankheiten mit sich.

Vielen haben Angst davor, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren und befürchten, sich in Arztpraxen anzustecken, sodass sie den Weg zur Praxis meiden. Doch das hat teilweise fatale Folgen, denn viele Krankheiten werden zu spät entdeckt. Das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung geht davon aus, dass im Jahr 2020 mehr als 20 Millionen Behandlungen nicht stattgefunden haben.

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) befragte bundesweit Vertreter von Berufsverbänden, Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen und kam zu dem Ergebnis, dass zwischen Mitte März und Anfang Mai 2020 – also zu Beginn der Pandemie – deutlich weniger Personen Termine bei Fachärzt:innen wahrnahmen. “Die ausbleibenden Arztbesuche könnten für Risikopatienten lebensbedrohlich sein, hieß es von Experten. Vor allem bei Krebserkrankungen seien zeitliche Verschleppungen gefährlich”, so berichtet der NDR.

Zudem werden planbare Operationen derzeit verschoben oder ganz abgesagt. Laut Krankenhausgesellschaft sind es mittlerweile um die 75 Prozent der Kliniken, die Eingriffe verschieben müssen. Eugen Brysch, Vorsitzender der Stiftung Patientenschutz, kritisiert, dass der Begriff “planbare Operationen” nicht klar definiert sei, was Patient:innen verunsichere.

Weniger Vorsorgetermine und weniger Behandlungen

Auch das Wissenschaftliche Institut der AOK gab Zahlen heraus. So sollen im Jahr 2020 27 Prozent weniger Behandlungen stattgefunden haben als 2019. Schon im Mai 2020 rief der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn in einem ARD-Interview dazu auf, er könne “alle Kranken, chronisch wie akut Kranke, nur auffordern, ermuntern, tatsächlich auch zum Arzt zu gehen, wenn es nötig ist„. Der Minister betonte, dass dies für die Gesundheit wichtig sei und es gerade bei Zweifeln, Beschwerden und Kontrolluntersuchungen besser sei, zu Ärzten zu gehen.

Ruth Hecker, Vorsitzende beim Aktionsbündnis Patientensicherheit sehe im Anstieg der schweren Fälle die Ursache in der Krisenkommunikation des Bundesgesundheitsministeriums, das zielgruppenspezifischer hätte informieren müssen, erklärte sie in der “tagesschau”.  Auf diesen Vorwurf ging das Ministerium bei Report Mainz ein und verwies auf behandelnde Ärzt:innen, auf deren medizinisch-therapeutische Beurteilungen man sich verlassen müsse.

Doch nicht nur in Deutschland zieht Corona weitreichende Konsequenzen nach sich. Das Corona-Virus ist im globalen Fokus und es werden Millionen Tote befürchtet, die an Krankheiten, die aufgrund von Covid-19 nicht entdeckt und/oder nicht behandelt wurden, sterben werden.

Krebs oft unentdeckt

Nicht wahrgenommene Arzttermine, verschobene Operationen und verzögerte Therapien können gefährliche Folgen haben. Krebserkrankungen könnten durch die Pandemie unentdeckt bleiben. Im Jahr 2018 erkrankten 18,1 Millionen Menschen an Krebs, so der Weltkrebsreport der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC).  9,6 Millionen Menschen starben an der Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prognostiziert durch die stets wachsende und älter werdende Bevölkerung und deren Lebensstil eine Verdoppelung der Krebserkrankungen im Jahr 2040

Die Barmer Krankenversicherung analysierte ihre Daten und kam zu dem Ergebnis, dass es zwischen April und Juni 2020 – verglichen mit den Vorjahren – zu einem 17-prozentigen Rückgang der Eingriffe bei den neun häufigsten Krebserkrankungen kam. Bei bestimmten Krebsarten wie Brustkrebs, Mast- und Dickdarmkrebs kam es sogar zu 20 Prozent weniger Operationen. Die Folge: 2600 Krebserkrankungen blieben in dieser Zeit unentdeckt, wovon 1600 Brustkrebs-Fälle sind. Nach der ersten Welle der Pandemie sei es vermehrt zu Krebsoperationen gekommen, allerdings konnte der vorherige Rückgang nicht ausgeglichen werden, so der Bericht der Barmer.

Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer, nennt dies eine “gravierende Folge der Corona-Pandemie”. Laut ihm sei es enorm wichtig, dass Krebsvorsorgeuntersuchungen weiterhin stattfinden, da Krebs in einem frühen Stadium gut therapierbar sei. Armin Wiegering vom Universitätsklinikum Würzburg führte die Analyse der Barmer durch. Laut ihm würde die Corona-Pandemie “zu verzögerten Krebsdiagnosen mit schlechteren Heilungsaussichten führen”.

Auch in anderen Ländern zeigt sich eine ähnliche Tendenz. So sollen laut Cancer Research UK in England aktuell wöchentlich Untersuchungen von 2300 Menschen mit Krebssymptomen nicht stattfinden. Wiegering erklärt anhand einer Berechnung aus England, dass Personen, deren Krebsoperation um drei oder sechs Monate verzögert werde, eine um mehr als 35 Prozent niedrigere Fünfjahresüberlebensrate haben könnten. 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Krankenhauseinweisungen wegen Schlaganfällen und Herzinfarkten seien laut Medizinern seit der Corona-Pandemie ebenfalls gesunken. Sie vermuten, dass es an der Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 im Krankenhaus liegen könne. Ein Anstieg von Schlaganfällen aufgrund der Nichtbeachtung der Symptome vermutet der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), Professor Dr. Berlit. 

In Großbritannien stellte die British Heart Foundation fest, dass im März 2020 50 Prozent weniger Personen, die einen Verdacht auf einen Herzinfarkt hatten, in die Notaufnahme gingen. Das entspreche 5000 Personen monatlich.

Anstieg von Malariainfektionen

Auch Infektionskrankheiten wie Malaria könnten sich durch die Corona-Pandemie weiter ausbreiten, wenn der Fokus von ihnen wegrückt. Dr. Anna Kühne ist für verschiedene Hilfsprojekte der Organisation “Ärzte ohne Grenzen” in Afrika zuständig. Sie berichtete der Deutschen Welle, dass sowohl durch die Einschränkungen im Flugverkehr als auch die Grenzschließungen die Beschaffung von Medikamenten oder Moskitonetzen zu einer logistischen Herausforderung geworden seien. 2020 registrierte die WHO weltweit 228 Millionen Malariafälle. 400.000 Fälle davon hatten einen tödlichen Verlauf. Bei über zwei Dritteln der Todesfälle handelt es sich um Kinder in Afrika, die unter fünf Jahre alt waren.

Kampf gegen Tuberkulose und HIV

Tuberkulose ist die Infektionskrankheit mit den meisten Todesfällen weltweit. Schätzungen gehen davon aus, dass sich jährlich zirka zehn Millionen Menschen mit der Krankheit infizieren und 1,5 Millionen Menschen daran sterben.

Gerade in Indien hat sich die Lage durch die Corona-Pandemie verschärft, da viele Arztpraxen durch einen strengen Lockdown geschlossen blieben und auch öffentliche Verkehrsmittel in vielen Gegenden nicht fahren. Sowohl Tuberkulose als auch Covid-19 greifen die Lunge an, das könnte zu einem erhöhten Risiko für Tuberkulose-Erkrankte führen.

Lucica Ditiu, eine rumänische Medizinerin, berichtet, dass die Organisation “Stop TB Partnership” die Krankheit bis 2030 ausgerottet haben wollte. Um das Ziel zu erreichen, wäre die dreifache Menge an finanzieller Unterstützung nötig als bisher. “Der Kampf gegen Tuberkulose ist sehr hart. Sobald man ihn unterbricht, kommt diese schreckliche Krankheit wie eine Vergeltung zurück”, so Ditiu.

Laut Anna Kühne hätten viele Menschen des “Ärzte ohne Grenzen” Projekts in Eswatini sowohl HIV als auch Tuberkulose. Patient:innen würden nicht mehr täglich besucht werden, stattdessen bekämen sie Medikamente auf Vorrat, sodass sie zu Hause bleiben können und die Gefahr einer Ansteckung unterwegs verringert wäre. Per Video werden sie bei der täglichen Einnahme der Medikamente unterstützt.

Zu bemerken sei laut Kühne allerdings, “dass weniger Menschen für HIV-Tests und für den Beginn einer Behandlung zu uns kommen. So können wir weniger Menschen eine HIV-Therapie ermöglichen”. „Es ist eine Tatsache, dass die älteren Pandemien, also HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria, nicht verschwunden sind. Sie bringen noch immer Menschen um. Und wegen Covid-19 töten sie noch mehr Menschen. In manchen Ländern, vor allem den ärmsten dieser Welt, werden die Todesfälle, die indirekt durch Covid ausgelöst werden, höher sein als die, die Covid-19 selbst verursacht“, so Peter Sands, Direktor des Global Fund to Fight AIDS.

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