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STIKO empfiehlt Booster-Impfung ab 18 Jahren

Bereits am 16. November 2021 kündigte Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission, es in der ZDF-Sendung “Markus Lanz” an, seit dem 17. November ist es offiziell: Die Ständige Impfkommission empfiehlt die dritte sogenannte Booster-Impfung für alle Erwachsenen. 

Wie ist die aktuelle Lage?

Derzeit sind 67,85 Prozent der deutschen Bevölkerung vollständig geimpft. Eigentlich berechneten Experten, dass eine Herdenimmunität erreicht sein werde, wenn zirka zwei Drittel der Bevölkerung geimpft seien, doch seit dem Ausbruch der dominierenden und ansteckenderen Delta-Variante könnte selbst das nicht ausreichen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußert sich folgendermaßen: “Wir wissen, keine Corona-Impfung ist vollständig ohne die dritte Impfung”.

Die vierte Corona-Welle ist in vollem Gange, der 7-Tage-Inzidenzwert liegt bei 399,8. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) berichtet von 3845 Covid-19-Patient:innen auf den Intensivstationen, das entspricht einem Hospitalisierungswert von 5,28. Nun sprach die Ständige Impfkommission auch die Empfehlung der Auffrischungsimpfung für Personen ab 18 Jahren aus.

6,3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben aktuell eine Auffrischungsimpfung erhalten. Bei Personen über 60 Jahren sind 14,9 Prozent mit der Booster-Impfung immunisiert. Bei den 18- bis 59-Jährigen sind es mittlerweile 3,5 Prozent und bei den 12- bis 17-Jährigen 0,6 Prozent. 

Was genau wird empfohlen?

Bisher wurde empfohlen, dass über 70-Jährige und andere Risikopatient:innen eine Auffrischungsimpfung erhalten sollen. Nun wird allen Personen ab 18 Jahren eine Auffrischungsimpfung empfohlen, doch es ist noch keine finale Entscheidung. Mittlerweile sei der entsprechende Beschluss zur Abstimmung an Fachkreise und Bundesländer weitergeleitet worden, durch sie könnten noch Änderungen unternommen werden, so das Gremium.

Sechs Monate nach der zweiten Impfdosis soll die Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen. Dabei spiele es keine Rolle, mit was für einem Vakzin man die Grundimmunisierung erhielt. Optimal wäre der mRNA-Impfstoff, der auch zur Grundimmunisierung verwendet wurde, so die STIKO. Unter 30-Jährigen wird allerdings nur der BioNTech-Impfstoff empfohlen, da es ein leicht erhöhtes Risiko für bestimmte Herzentzündungen gebe. Im Einzelfall soll abgewogen werden, ob auch eine Impfung nach fünf Monaten in Betracht komme. Die Empfehlung gelte auch für Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Der volle Schutz der Auffrischungsimpfung sei laut dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) nach fünf bis sieben Tagen gegeben.

Eine Ausnahme stellt der Vektor-Impfstoff von Johnson & Johnson dar. Wer mit Janssen geimpft wurde, solle sich nach der Einmalimpfung bereits ab der vierten Woche erneut impfen lassen – dann jedoch mit einem mRNA-Impfstoff. Begründet wird dies von der Stiko mit Studiendaten, die zeigen, dass der Impfstoff im Vergleich mit anderen Impfstoffen gegenüber der Delta-Variante eine geringere Wirkung zeige.

Aufruf zur Priorisierung ungeimpfter und gefährdeter Personen

Jens Spahn, der Bundesgesundheitsminister, sieht den Abstand von sechs Monaten als “zeitliche Richtschnur”, den man “natürlich nicht taggenau” einhalten müsse. Laut ihm könne man die Auffrischungsimpfung schon vor dem Ablauf der sechs Monate verabreichen, doch darüber müssten die Ärzt:innen “im eigenen Ermessen” entscheiden. Dies geht aus einem Schreiben von ihm an die Ärzteschaft hervor.

Doch trotz der Empfehlung für alle Erwachsenen betont die Ständige Impfkommission, dass Ungeimpfte “vordringlich” grundimmunisiert werden sollen sowie besonders gefährdete Personen bei den Auffrischungsimpfungen priorisiert werden sollen. Hierbei werden Personen über 70 Jahren, Pflegeheimbewohner:innen, immungeschwächte Menschen sowie Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich genannt.

Ziel der Empfehlung

Mit der Empfehlung der Auffrischungsimpfungen für alle Personen ab 18 Jahren soll laut dem Gremium der individuelle Impfschutz aufrecht erhalten werden. Doch auch diene die Impfung dazu, das Virus in der Bevölkerung zu reduzieren, damit Infektionswellen abgeschwächt werden und schwere Krankheitsverläufe sowie damit verbundene Todesfälle verhindert werden können. „Bereits jetzt führen die schweren Covid-19-Erkrankungen zu einer besorgniserregenden hohen Belastung der intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten.“, so heißt es in einer Pressemitteilung der STIKO.

Weiter schreibt die Ständige Impfkommission, dass die Ursachen der aktuell hohen Inzidenzwerte eine zu niedrige Impfquote sei, durch die Delta-Variante eine höhere Übertragungsrate stattfinde, der Impfschutz mit der Zeit nachlasse sowie auch bereits geimpfte Personen das Virus weiterhin übertragen können. Deshalb sei die Auffrischungsimpfung sowohl für den Selbstschutz als auch für den Schutz der Mitmenschen nötig. Zudem erwarte die STIKO einen “längerfristigen robusten Impfschutz”. “Die epidemiologische Auswirkung durch eine verminderte Transmission wird erst bei hohen Impfquoten bei Auffrischimpfungen deutlich wirksam werden.”, so die Ständige Impfkommission.

Haben wir genügend Impfstoff?

Der Bundesgesundheitsminister sprach sich für die Auffrischungsimpfung für alle Personen ab 18 Jahren aus und versicherte, dass genügend Impfstoff vorhanden sei. Nun steht er in der Kritik, da er ankündigte, BioNTech-Lieferungen an Ärzte begrenzen zu wollen, da die Nachfrage nach dem BioNTech-Impfstoff in wenigen Wochen so stark gestiegen sei, dass dies Auswirkungen auf das Lager habe. Auch sollen im November knapp 8,8 Millionen Dosen BioNTech über die Initiative Covax an andere Länder gespendet werden beziehungsweise gespendet worden sein.

Am 19. November 2021 kündigte das Gesundheitsministerium in einem Schreiben an die Länder an, dass es Begrenzungen bei Bestellmengen für das BioNTech-Vakzin geben soll, da eingelagerte Moderna-Impfdosen ab Mitte des ersten Quartals 2022 verfallen würden, wenn sie nicht verwendet werden würden. Demnach soll es für Bestellungen des Moderna-Impfstoffs keine Höchstgrenze geben.

Politiker:innen und Ärzt:innen kritisieren dies scharf. Klaus Holetschek, Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) und Gesundheitsminister Bayerns, halte das Vorhaben für inakzeptabel und erklärte der dpa: “Das muss besprochen und gelöst werden“. Laut Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wäre eine Verteilung der Moderna-Dosen in andere Länder denkbar gewesen. Er finde es nicht richtig, den Impfstoff von BioNTech zurückzuhalten, da viele Menschen ihm vertrauen würden. Janosch Dahmen, der Gesundheitsexperte der Grünen, und Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, betonen, wie wichtig es sei, bei der Wahl der Impfstoffe eine Entscheidung zu lassen.

Auch muss beachtet werden, dass die Ständige Impfkommission den Moderna-Impfstoff bei unter 30-Jährigen nicht empfiehlt. “Alle unter 30 Jahre – Kinder, Jugendliche und Erwachsene und zudem alle Schwangeren – müssen mit Biontech geimpft werden.”, sagte Martina Wenker, Präsidentin der niedersächsischen Ärztekammer, der dpa.

Wo kann man sich impfen lassen?

Die Bundesregierung veröffentlichte auf ihrer Website folgende Informationen dazu: „Auffrischungsimpfungen erfolgen unter anderem durch mobile Impfteams, die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie durch Betriebsärztinnen und Betriebsärzte oder je nach Bundesland auch in Impfzentren. Die Organisation und Durchführung der Auffrischungsimpfung liegt dabei in der Zuständigkeit der Bundesländer.“

Die “Welt” berichtet, dass viele Bundesländer nahezu gänzlich ohne Impfzentren auskommen möchten. Während Bayern auf 81 Impfzentren als Basis für 230 mobile Impfteams setzt, so möchte Niedersachsen laut Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums auf “viele kleine Impfstellen in den Kommunen” setzen.

Warnung vor einem Verteilungskampf der Auffrischungsimpfung

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Hausärzteverbandes, sagte der Funke Mediengruppe, dass es nicht nötig sei, weniger gefährdete junge Menschen exakt 6 Monate nach ihrer letzten Impfung eine Auffrischungsimpfung zu verabreichen. Dies könne laut ihm “zu Lasten von vulnerablen Patienten” erfolgen. Es wird von den Deutschen Hausärzten ein Ansturm auf Arztpraxen erwartet.

Auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sowie Karl Lauterbach fordern eine festgelegte Reihenfolge für Auffrischungsimpfungen mit einer Priorisierung. Brysch möchte, dass eine Priorisierung nach “Alter, Krankheit sowie Berufsgruppe” bedacht werden solle.