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2G – Zunehmender Druck auf Ungeimpfte?

Seit einigen Wochen setzen immer mehr Bundesländer auf die 2G-Regel. Sie ist für Veranstalter optional einführbar. Das bedeutet, dass nur Geimpfte und Genesene bestimmte öffentliche Räume betreten dürfen, wenn Veranstalter es so wollen. Der Druck auf Ungeimpfte steigt, wenn sie weiterhin teilhaben möchten. Doch wie sieht die aktuelle Lage wirklich aus?

Was ist die 2G-Regel und unter welchen Bedingungen gilt sie?

Generell gilt in Deutschland das 3G-Modell, bei dem nur Geimpfte, Genesene oder Getestete Zugang zu bestimmten Innenräumen des öffentlichen Bereichs bekommen. Das kann zum Beispiel der Zugang zu einem Restaurant oder einem Konzert sein. Der öffentliche Nahverkehr sowie der Einzelhandel sind von der Regel nicht betroffen.

Das 2G-Modell verschärft den Zugang: Zutritt haben dann nur noch Geimpfte und Genesene. Ungeimpfte bekommen dann, auch wenn sie einen negativen Test nachweisen können, keinen Zutritt. Die Regel gilt zum Beispiel in Berlin, Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Veranstalter:innen und Gastronom:innen dürfen aber selbst entscheiden, ob sie die 2G-Regel nutzen oder bei 3G bleiben möchten. Und auch ob nun Kinder und Jugendliche, die weder geimpft noch genesen sind, bei 2G Zutritt bekommen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Der Vorteil der Veranstalter und Gastronom:innen bei 2G? Die Abstandsregeln sowie die Maskenpflicht entfallen. Außerdem kann der vorhandene Platz ganz ausgenutzt werden, es können sich also wieder mehr Personen gleichzeitig in einem Raum aufhalten.

2G – sinnvoll oder nicht? 

In Münster fand Anfang September eine 2G-Party statt. Das Ergebnis: über 80 geimpfte und genesene Personen haben sich bei diesem Event mit dem Coronavirus infiziert. Die Stadt schließt Verstöße zum Impf- beziehungsweise Genesenenausweis bisher aus. Was bedeutet das also für die 2G-Regel?

Bernd Salzberger, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, sieht den Fall als “Sondersituation”, da die Umstände der Party – also mehrere hunderte Gäste, beschränkter Platz sowie Gespräche bei lauter Musik – ideale Voraussetzungen für die Verbreitung von Aerosolen seien. Da keine Party-Gäste schwer erkrankt seien, schütze die Impfung laut Salzberger vor schweren Verläufen, wo eine Infektion nicht vermeidbar sei. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, ist der Meinung, dass ohne die 2G-Regelung “viel mehr Partybesucher schwer erkrankt” wären.

Strikte 2G-Regel in Wuppertal

Seit dem 24.09.2021 gilt in der Stadt Wuppertal verpflichtend, dass Veranstaltungen im städtischen Raum nur noch von geimpften und genesenen Personen betreten werden dürfen. Ausnahmen gelten für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Personen, denen es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, sich testen zu lassen.
Für Gastronom:innen ist die Regelung optional, doch die Stadt Wuppertal fordert auch sie dringend auf, die 2G Regel auf freiwilliger Basis durchzusetzen.

2G-Plus in Rheinland-Pfalz

Eine 2G Plus-Regel, wie sie in manchen Bundesländern heißt, soll bei steigenden Inzidenz-, Hospitalisierungs,- und Intensivbettenbelegungszahlen in Kraft treten. Mit dieser Regelung, die aktuell in Rheinland-Pfalz gilt, sollen unbegrenzte Zusammenkünfte in erster Linie für geimpfte und genesene Personen möglich sein, jedoch kann eine bestimmte Anzahl von Getesteten auch teilnehmen. Der Zutritt für letztere Personengruppe soll dann mit zunehmender Warnstufe geringer werden. Mit dieser Taktik soll verhindert werden, dass das Gesundheitssystem überlastet wird.

Immer mehr Städte und Länder fordern 2G-Regelung

Burkhard Jung, der Präsident des Deutschen Städtetages appelliert: „Wir müssen alles tun, um noch mehr Menschen fürs Impfen zu motivieren und die Impfquote zu steigern“. Deshalb sollten alle Länder für den Freizeitbereich eine 2G-Regelung einführen, um mehr “Sicherheit und Normalität” in den Alltag vieler Menschen zu bringen. Die Regelung sollte laut dem Städtetag auch für bestimmte Berufsgruppen in Pädagogik und Pflege gelten, sodass diese sich impfen lassen müssten.

Auch Niedersachsen weitet die 2G-Regel aus, um einen “Beitrag zur Normalisierung des öffentlichen Lebens” zu leisten, so der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Während er der Meinung ist, dass ungeimpfte Erwachsene die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen müssten, sollten vollständig geimpfte Personen ihr “altes Leben” wieder “uneingeschränkt” führen können.

Der Virologe Christian Drosten geht von einem exponentiellen Wachstum der Coronainfektionen ab Mitte Oktober aus. Laut ihm müssen Impflücken “endlich” geschlossen werden. Dabei sieht er die Politik in der Verantwortung.

Viele Städte und Bundesländer sehen das genauso. Durch die 2G-Regel sollen Ungeimpfte motiviert werden, sich impfen zu lassen. Verstärkte 2G Regeln wurden auch in Baden-Württemberg eingeführt, weil laut Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht geimpfte Personen die “Träger der Pandemie” seien. Dabei betonte er, dass das Vorgehen nicht als “Strafaktion” zu sehen sei, sondern die Gesellschaft schützen würde. Wenn also in Baden-Württemberg in Zukunft innerhalb von sieben Tagen zwölf neue Coronafälle in die Intensivstation gebracht werden oder es insgesamt 390 Corona-Intensivpatienten gebe, tritt neben der 2G-Regelung auch die Regel ein, dass Ungeimpfte sich bei Treffen auf privaten Feiern nur auf zwei Haushalte beschränken müssen.

Das spricht gegen die 2G-Regel

Anderer Meinung ist der Virologe Hendrik Streeck, der die 2G-Regelung als “weder sozial noch medizinisch sinnvoll” betrachte. Er geht davon aus, dass ungeimpfte Personen sich im privaten Bereich trotzdem nicht einschränken würden und sich deshalb trotz allem unkontrollierbar mit dem Coronavirus infizieren würden. Diese Infektionen würden aber durch fehlende Tests nicht mehr erfasst werden, so Streeck.

Zudem muss beachtet werden, dass sich die Delta-Variante weiter ausbreitet und infektiöser ist als die bisherigen Varianten. Auch steigen im Vergleich zu den letzten Monaten die Zahlen der Impfdurchbrüche. Laut einem Bericht des Robert-Koch-Instituts könnten die tatsächlichen Zahlen höher liegen, da vermutet wird, dass geimpfte Personen seltener getestet werden.

Großveranstaltungen, wie zum Beispiel volle Fußball-Arenen, seien trotz 2G-Regel aktuell nicht sinnvoll, wenn die Stadien komplett gefüllt seien, so Gesundheitsexperte Lauterbach. Anders sei dies bei halb gefüllten Stadien, dort gebe es seiner Meinung nach keine Probleme.

Akzeptanz in der Gesellschaft?

Die 2G-Regel ist sehr umstritten. Zunächst fallen die Vorteile auf, da sehr viele Corona-Auflagen entfallen. Doch viele Unternehmen entscheiden sich auch dagegen, 2G einzuführen, denn oftmals lohnen sich Veranstaltungen nicht, wenn nicht genug Publikum erscheinen dürfe. Außerdem erfahren beispielsweise Gastwirte und Gastwirtinnen starke Anfeindungen, so Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin bei Dehoga. 

Viele Gastronom:innen sind aus diesen Gründen verunsichert. So auch Max Setrak, der Mitinhaber eines Berliner Restaurants ist. Aus finanziellen Gründen entschied er sich für das Durchsetzen der 2G-Regel in seinem Restaurant. Bei der Tagesschau erklärt er, dass er nicht verstehe, warum er diese Entscheidung selbst treffen musste und ihm diese nicht von Politiker:innen abgenommen wurde.