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Corona-Auffrischungsimpfung – Brauchen wir sie?

61 Prozent der Deutschen sind nach aktuellem Stand vollständig geimpft, was fast zwei Dritteln der Bevölkerung entspricht. Das Land ist also noch weit von den 85 Prozent entfernt, die Fachleute wie der Charité-Virologe Christian Drosten gerade im Hinblick auf die Delta-Variante für notwendig hält. Kein Wunder, steigt die 7-Tage-Inzidenz wieder rasant und liegt derzeit bei über 80. Und trotzdem debattiert das Land schon über  Auffrischungsimpfungen, auch Drittimpfung oder Booster-Impfung genannt. Wie passt das zusammen? Lohnt sich eine dritte Impfung wirklich, wenn noch nicht einmal alle erstgeimpft sind? Und wenn ja, für wen?

Was ist eine Booster-Impfung?

Eine Booster-Impfung soll den Impfschutz – vor allem in Bezug auf neue Virusvarianten – verstärken. Daher der englische Begriff “Booster”, also “Verstärker”. 

Israelische Studien haben ergeben, dass der Infektionsschutz der derzeit verwendeten Impfstoffe wegen der Ausbreitung der Delta-Variante etwas sinkt. Zwar schützen zum Beispiel die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca gut vor schweren Krankheitsverläufen, trotzdem kann eine Auffrischungsimpfung den Schutz vor einer Covid Infektion verbessern.

Wie hoch ist der Impfschutz?

Alle aktuell in Deutschland zugelassenen Impfstoffe schützen sehr gut vor einer Corona-Erkrankung oder zumindest vor einem schweren Krankheitsverlauf. Unklar ist nach aktuellem Kenntnisstand allerdings noch, wie lange der Impfschutz tatsächlich anhält.

Bei der Delta-Variante ist der Infektionsschutz nicht mehr so hoch wie bei vorhergehenden Varianten. Die Unternehmen BioNTech und Pfizer untersuchten die Wirksamkeit ihres Impfstoffes in Israel und stellten fest, dass “die Schutzwirkung des Impfstoffs gegenüber Infektionen und symptomatischen Erkrankungen sechs Monate nach der zweiten Impfung” sinkt, so der Bayerische Rundfunk.

Eine Auffrischimpfung erneuert  den Schutz und verstärkt ihn möglicherweise sogar. Allerdings ist der Effekt nicht bei allen Menschen gleichermaßen stark ausgeprägt. 

Auffrischungsimpfung – für wen?

Wichtig ist eine Drittimpfung vor allem für  Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko. Sie erhalten sechs Monate nach ihrer abgeschlossenen Impfung eine Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff. Hierbei handelt es sich um pflegebedürftige Menschen, über 80-Jährige sowie immungeschwächte und immunsuppressive Personen. Auch Personen, die mit Vektor-Impfstoffen geimpft wurden beziehungsweise genesen sind, sollen sich mit einem mRNA-Impfstoff eine Booster-Impfung geben lassen können. Das Bundesgesundheitsministerium weist hier auf eine “gesundheitliche Vorsorge” hin. Für sie sind Drittimpfungen laut den Informationen der geänderten Coronavirus-Impfverordnung vom 01.09.2021 ab sofort bundesweit möglich und genauso wie die vorherigen Corona-Impfungen kostenlos. Personen, die nicht diesen Risikogruppen angehören, haben aktuell keinen Anspruch auf Auffrischimpfungen.

Während Risikogruppen mit einem geschwächten Immunsystem Schwierigkeiten haben können, eine ausreichende Immunität nach der Erst- und Zweitimpfung aufzubauen und sich deshalb zum dritten Mal impfen lassen sollen, können bei Chemotherapie-Patient:innen durch die verabreichten Wirkstoffe der Medikamente die Immunzellen zerstört werden. Deshalb macht es in diesem Fall Sinn, mit der Drittimpfung zu warten, bis die Chemotherapie-Behandlung abgeschlossen ist. 

Oftmals haben auch ältere geimpfte Menschen über 80 Jahren ein geschwächtes Immunsystem. Generell reagieren sie auf die Impfungen nicht so stark wie jüngere Menschen, so der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl. Insbesondere bei diesen Bevölkerungsgruppen hält er eine Auffrischungsimpfung für sinnvoll. Zum einen könne das Immunsystem die Immunantwort erhöhen, zum anderen passen sich die Antikörper besser an den Erreger an. Die entstandenen Gedächtniszellen sorgen dafür, dass der Körper bei einer Begegnung mit dem Erreger schnell wieder neue Antikörper bildet.

Keine STIKO-Empfehlung zur Auffrischungsimpfung

Beweise für diesen Nutzen fehlen zur Zeit jedoch. Die STIKO (Ständige Impfkommission) empfiehlt Auffrischungsimpfungen derzeit daher nicht. Der Grund ist die unzureichende Datengrundlage. Auch viele Ärzte und Ärztinnen möchten ihren Patient:innen bislang keine dritte Dosis impfen, sondern warten zunächst auf fundierte wissenschaftliche Studien.

„Ein Schaden wird eine Auffrischungsimpfung nicht sein. Ob sie schon notwendig ist, ist heute noch nicht abschließend klar“, kommentierte der Infektiologe Christoph Spinner vom Münchner Klinikum Rechts der Isar im BR Podcast Corona-News.

WHO-Kritik zur Auffrischungsimpfung

Die schwache Datenlage nimmt die Weltgesundheitsorganisation WHO als Anlass für ganz grundsätzliche Kritik. Sie hat vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer im Blick, und dort sind nach wie vor die wenigsten Einwohner geimpft. Ihnen fehlt es schlicht an Geld, um genügend Impfstoffe zu kaufen und zu verteilen.

Sie fordert daher generell einen Stopp von Corona-Drittimpfungen in wohlhabenden Ländern. Erst sollten in  ärmeren Ländern zumindest 10 Prozent der Bevölkerung jedes Landes die volle Dosis der Corona-Impfung erhalten haben. 

Warum werden Drittimpfungen nur mit mRNA-Impfstoff durchgeführt?

Dem Immunologen Watzl zufolge ist die Schutzwirkung der Impfung am besten, wenn eine Kreuzimpfung stattfindet, also als erstes eine Impfung mit einem Vektor-Impfstoff erfolgt und daraufhin mit einem mRNA-Vakzin. Das Immunsystem kann auf die verschiedenen Impfstoffe reagieren und auf unterschiedliche Weisen die Immunität stärken. 

Laut Watzl verstärkt der mRNA-Impfstoff auf der Grundlage des Vektor-Impfstoffs die Immunabwehr, was jedoch nur bei der Verwendung in dieser Reihenfolge möglich ist. Wer also schon zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs erhalten hat, der ist mit einer dritten mRNA-Impfung besser geschützt als mit einem Vektor-Impfstoff.