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Warum uns Totimpfstoffe im Kampf gegen Corona helfen

Die Geschichte der modernen Impfung geht schon über 200 Jahre zurück. Eine erprobte Technik zur Herstellung von Impfungen ist die Gabe abgetöteter Viren – die Totimpfung. 

Auch bei der Behandlung von Corona ist diese Herangehensweise möglich. Nun könnten die ersten Totimpfstoffe bald auch in Deutschland auf den Markt kommen. Welche Vorteile besitzen sie?

Welche Arten von Impfstoffen gibt es gegen das Corona-Virus?

Bereits 61 Prozent der deutschen Bevölkerung sind vollständig geimpft. In Deutschland sind derzeit vier Impfstoffe zum Schutz vor dem Coronavirus zugelassen. Es handelt sich um die zwei mRNA-Impfstoffe Spikevax von Moderna und 

Comirnaty von BioNTech/Pfizer sowie die zwei Vektor-Impfstoffe Vaxzevria von AstraZeneca und  Janssen von Johnson & Johnson. Doch was macht diese Impfstofftypen aus?

mRNA-Impfstoffe enthalten den Bauplan eines bestimmten Virusmerkmals, im Fall von Corona den der Virusoberfläche – das sogenannte Spike-Protein. Dieser Bauplan ist die mRNA. Der Körper produziert durch die Impfung eine geringe Menge des Antigens auf der Virusoberfläche selbst. Das Immunsystem lernt dieses Antigen kennen. Wenn es zu einer Infektion kommt, erkennt der Körper das Virus Antigen wieder und kann es dadurch gezielt mit seinen eigenen Antikörpern bekämpfen. 

Vektor-Impfstoffe bedienen sich eines harmlosen Virus als Transporter. Eine ungefährliche Erbinformation des Coronavirus wird in ein harmloses Virus, dem Vektor eingeschleust, das lebende aber harmlose Virus verimpft. Auch die aktuellen Vektor-Impfstoffe gegen Corona enthalten einen Bauplan des Spike-Proteins. Durch die Infektion mit dem Impferreger wird dieser an die menschlichen Zellen übermittelt und diese entwickeln und produzieren kurzzeitig diese Spike-Moleküle. So wird das Immunsystem aktiviert und bekämpft das gefährliche Originalvirus bei Kontakt.

Neue Corona-Impfstoffe: Was ist ein Totimpfstoff und wie wirkt er?

Die Totimpfstoffe – auch inaktivierte Impfstoffe genannt – bestehen aus abgetöteten Krankheitserregern oder Krankheitserregerbestandteilen. Im Gegensatz dazu stehen Lebendimpfstoffe: Lebende Erreger, die aber enorm abgeschwächt sind, beziehungsweise die Mengen des Erregers so gering sind, dass sie keine Erkrankungen mehr auslösen können.

Totimpfstoffe können sich im Gegensatz dazu nicht vermehren und somit keine Krankheitsreaktion auslösen. Zusammen mit Wirkverstärkern, sogenannte Adjuvantien, erkennt das Abwehrsystem des Körpers die toten Erreger dennoch und kann daraufhin Antikörper produzieren. Ohne diese Wirkverstärker, die zum Beispiel ungefährliche  Aluminiumverbindungen sein können, würde das Immunsystem gar nicht auf die Impfung reagieren. Sie sind also wichtig für die Wirksamkeit.

Auch proteinbasierte Impfstoffe werden in Fachkreisen als Untergruppe von Totimpfstoffen betrachtet.  Sie enthalten bestimmte Virusproteine, auf die der Körper reagiert. Das Vakzin Novavax aus den USA fällt in diese Kategorie. Mit ihm  werden schon fertige Spike-Proteine geimpft. Das heißt, anders als bei mRNA- und Vektor-Impfstoffen muss der Körper die Proteine nicht nach dem Bauplan selbst herstellen. Bisher hat der Impfstoff allerdings noch keine Zulassung. 

Warum brauchen wir noch eine andere Art von Impfstoff?

Der Totimpfstoff wird aktuell in den sozialen Medien als Hoffnungsträger betitelt, weil die Wirkungsweise der Impfung schon lange für Krankheiten wie Hepatitis, Tetanus oder Polio (Kinderlähmung) eingesetzt wird. Dadurch ist die Technologie und Methodik dieser Art von Vakzinen schon lange erforscht und erprobt. Vor allem für Risikopatient:innen sollen Vakzine, die auf Totimpfstoffen basieren, sehr gut verträglich sein. Auch treten bei dieser Art von Impfstoff seltener schwere Nebenwirkungen auf.

Generell sei der Impfstoff durch alle Altersschichten hindurch gut geeignet, während zum Beispiel der Vektor-Imfpstoff von AstraZeneca aufgrund der erhöhten Thrombosegefahr bei Jüngeren, nach Empfehlung der STIKO, nur noch an über 60-jährige verabreicht werden soll. Dies könnte dazu führen, dass auch Impfskeptiker, die den neuen mRNA- und Vektor-Impfverfahren und deren möglichen Nebenwirkungen grundsätzlich nicht trauen, bereit sind, eine Schutzimpfung mit dem Totimpfstoff durchzuführen. Eine Impfung mit Totimpfstoffen kann dann insbesondere diesen Personengruppen empfohlen werden. Je mehr Menschen sich impfen lassen, desto größer ist der Herdenschutz. 

Auch in der Produktion und Lagerung bieten Totimpfstoffe einige Vorteile gegenüber den bisherigen Impfstoffen. Für die Produktion gilt, dass in kurzer Zeit große Mengen hergestellt werden können. Außerdem kann der Impfstoff über mehrere Jahre hinweg bei einer Kühlschranktemperatur zwischen zwei bis acht Grad Celsius gelagert werden. Nach dem Aufziehen des Impfstoffes in die Spritze ist dieser bis zu 24 Stunden nutzbar. Dies ermöglicht auch in abgelegenen Orten der Welt effektive Impfkampagnen. Gerade bei mRNA-Impfstoffen ist die Lagerung bei minus 70 Grad Celsius ein großer logistischer Aufwand.

Welche Nachteile haben Totimpfstoffe?

Totimpfstoffe haben jedoch auch Nachteile: Weil zur Aktivierung der Immunabwehr  ein Verstärker nötig ist, der die gewünschte Immunreaktion auslöst, kann dieser im gleichen Zug auch Symptome auslösen, die der einer Grippe gleichen. Dies sollte allerdings kein Grund sein, diese Art von Vakzinen abzulehnen.

In Wirksamkeitstests der Studien, die in China durchgeführt wurden, heißt es zudem, dass Coronaimpfungen mit Totimpfstoff – vor allem bei neuen Varianten des Virus wie der Delta Variante – nicht so wirksam seien wie die mit mRNA-Impfstoff durchgeführten Impfungen. Da bei Totimpfstoffen keine lebenden Zellen vorhanden sind, die das Immunsystem dazu anregen Antikörper zu produzieren, lässt der Impfschutz nach einiger Zeit nach. Eine Auffrischungsimpfung ist dann nötig. Im Gegensatz dazu stehen die Lebendimpfstoffe wie Impfstoffe mit attenuierten Erregern, bei denen die krankmachenden Eigenschaften weggezüchtet wurden, gegen Krankheiten wie Röteln, bei denen meistens auch eine Impfung ausreicht, um ein Leben lang geschützt zu sein, sofern keine Mutationen des Virus auftreten. 

Welche Totimpfstoffe gegen Corona gibt es und welche haben die besten Zulassungschancen für Deutschland?  

Weltweit gibt es schon auf Totimpfstoffen basierende Corona-Vakzine, die eingesetzt werden. Es handelt sich zum Beispiel um die chinesischen Impfstoffe BBIP-CorV (von Sinopharm) und CoronaVac (von Sinovac) – letzteres wird schon in über 50 Ländern verwendet und könnte auch bald in der EU zugelassen werden.

Der Impfstoff VLA2001 des österreichisch-französischen Impfstoffherstellers Valneva wird aktuell in einer klinischen Phase III-Studie (die letzte Phase vor der Zulassung) in Großbritannien mit ca. 4000 Teilnehmer:innen getestet und könnte noch dieses Jahr als erster Totimpfstoff gegen das Coronavirus in Europa zugelassen werden. Auch hier sind für den vollen Schutz vor einer Erkrankung zwei Impfdosen mit einem 28-tägigen Abstand nötig.

Zum Jahresende 2021 soll die Zulassung des Impfstoffs beantragt werden. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat 204 Millionen Impfdosen für das kommende Jahr bestellt, wovon elf Millionen Dosen aus dem Impfstoff von Valneva bestehen. Damit könnte Valneva  in Deutschland bald die Impfstoffe von  AstraZeneca und Curevac ablösen, die wegen einer großen gesellschaftlichen Skepsis beziehungsweise der im Vergleich mit anderen Impfstoffen geringeren Wirkung in Zukunft nicht mehr verwendet werden. Laut EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die sich auf der Internetseite der Europäischen Kommission äußert, stellt der “Fortschritt bei einer Vereinbarung mit Valneva […] eine weitere Ergänzung des Impfstoffportfolios der EU dar und zeigt die Entschlossenheit der Kommission eine dauerhafte Lösung für die Pandemie zu finden.“