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Steigern Prämien die Impfbereitschaft?

In Deutschland haben inzwischen 64,1 Prozent aller Bundesbürger*innen ihre erste Corona-Impfung erhalten. 59,0 Prozent sind vollständig geimpft (Stand: 23.08.). Doch dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge muss der Anteil bei auf 85 Prozent steigen Erst dann könne man von einer Art Herdenimmunität sprechen. Wie aber lassen sich mehr Menschen zum Impfen gegen das Coronavirus animieren?

Da viele andere Ländern ähnliche  Impfprobleme haben gibt es mittlerweile  unterschiedlichsten Maßnahmen –  und damit auch erste Erfahrungen, was wirklich etwas bringt.

Amerika lockt mit Millionen-Lotterien!

• USA: Gewinne, Gewinne, Gewinne! Erst gegen Corona geimpft werden, dann losfliegen. So versucht man in einigen amerikanischen Bundesstaaten die Menschen zu motivieren, sich piksen zu lassen. Unternehmen verlosen Flüge oder Tickets für den nächsten Football-Super Bowl. Es gibt Gutscheine für Restaurants oder Museen. In Ohio konnten Bürger, die mindestens die erste Impfdosis erhalten haben, bei einer Lotterie wöchentlich eine Million US-Dollar gewinnen. In New York wurde für bestimmte Impfungen sogar eine Verlosung mit einem Hauptpreis von fünf Millionen Dollar ausgelobt. Inzwischen gelten die Anreize für die Eltern von 12- bis 17-Jährigen, die für ihr Kind eines von 50 Vollstipendien für ein College oder eine Universität im Bundesstaat gewinnen können. Im Sonnenstaat Kalifornien standen insgesamt sogar gut 116 Millionen Dollar zur Verfügung – darunter zehn Hauptgewinne zu jeweils 1,5 Millionen Dollar. In West-Virginia wanderten Pick-Ups und Jagdgewehre in den Lostopf. Eine Apothekenkette verloste unter Impflingen unter anderem 130 Geldpreise und 100 einwöchige Kreuzfahrten in der Karibik oder Europa.

• Kanada: Kein Witz – Kanada lockt mit Cannabis! Wer in der Provinz Manitoba lebt und vollständig geimpft ist, kann einen Jahresvorrat an Cannabis gewinnen.

• Australien: Die australische Airline Qantas verlost unter Geimpften für jeden der zehn australischen Bundesstaaten jeweils einen Gutschein. Ein Jahr lang können Familien mit bis zu vier Mitgliedern unbegrenzt fliegen. Die Verlosung steht allen offen, die sich bis Ende 2021 impfen lassen. Als Reiseziel kommt derzeit aber aufgrund der geschlossenen Grenzen nur Nachbarland Neuseeland in Frage.

In Russland kann man Autos und Wohnungen gewinnen!

• Russland: Während einige Impfzentren anfangs noch jedem Geimpften ein kostenloses Eis als Bonus ausgaben, mussten die Anreize zuletzt deutlich erhöht werden. In der russischen Hauptstadt Moskau können etwa 20 Autos gewonnen werden, jedes im Wert von etwa einer Million Rubel (11.500 Euro). Pro Woche werden fünf Autos verlost. Im Moskauer Umland kann man sich Hoffnungen auf eine Wohnung machen – der Hauptgewinn ist eine Drei-Zimmer-Wohnung mit 75 Quadratmetern Wohnfläche. Viele Regionen des Landes führen ihre eigenen lokalen Kampagnen durch. So werden Apple-Smartphones, Fahrräder, Lautsprecher, Kopfhörer und Smartwatches für Impfungen verlost und die geimpfte Einwohner der Stadt Togliatti können bei einer Lotterie 75.000 Rubel (855 Euro) gewinnen.

• Griechenland: Junge Impfwillige im Alter von 18 bis 25 Jahren erhalten ab Mitte Juli eine Bezahlkarte mit einem Guthaben von 150 Euro für ihre Impfung. Der Betrag kann für Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Theater- und Kinobesuche oder Hotels und Flugtickets verwendet werden. Premierminister Mitsotakis erklärte, dass „der Staat somit den jungen Menschen für ihr verantwortungsvolles Handeln danken“ wolle.

In Asien gibt es Goldbarren oder lebende Hühner!

• China: In der chinesischen Stadt Wuhan, in der die Pandemie ihren Anfang nahm, werden die Bürger mit zwei Schachteln Eiern, Hähnchenschenkeln oder Eiscreme nach dem Impftermin belohnt. Andere chinesischen Städte haben Hunde oder Hähnchen verschenkt und Freigetränke ausgegeben. Hongkong wiederum bietet die Chance auf Goldbarren, Luxusapartments, Privatpartys in einem Airbus oder auf ein schickes Elektro-Auto der Nobelmarke Tesla.

• Indonesien: Indonesien hat nach Daten der Johns Hopkins University die zweithöchste Fallzahl in Asien – und Anfang August waren noch nicht einmal 9 Prozent der Bevölkerung gegen das Virus geimpft. Deshalb verteilen inzwischen Ärzte in einigen Städten Impfungen an der Haustür. Wer sich bereitwillig impfen lässt und über 45 Jahre alt ist, bekommt nach dem Impfen ein lebendes Huhn geschenkt. Insbesondere für arme und ältere Menschen sollen damit Anreize geschaffen werden.

• Philippinnen: Auch auf den Philippinen kommt die Impfquote (knapp 10 Prozent) nur sehr schleppend voran. Einwohner von Las Pinas City haben nun die Chance, Lebensmittel,  Motorräder und sogar ein Haus zu gewinnen, wenn sie mindestens eine Dosis des Covid-Impfstoffs erhalten. Am Stadtrand von Manila, in Sucat, haben 20 Menschen die Chance, jede Woche einen 25-Kilogramm-Sack Reis mit nach Hause zu nehmen, wenn sie ihre Spritzen bekommen. Die Initiative zielt darauf ab, ärmere Einwohner anzulocken. Allerdings warnte Präsident Rodrigo Duterte potenzielle Impfverweigerer und kündigte öffentlich an: „Wenn Sie sich nicht impfen lassen wollen, lasse ich Sie verhaften!“

Gibt es auch Impfanreize in Deutschland?

In Deutschland gibt es für Impflinge noch vergleichsweise wenig zu holen. Die Politik setzt auf Nähe und will, dass die Impfspritzen den Menschen quasi überall vor die Nase gehalten wird – im Fußballstadion oder am Supermarkt etwa, möglichst allgegenwärtig und präsent in ihrem Alltag. Mit einer flächendeckenden Kampagne will beispielsweise mehr als ein Dutzend großer Handelsketten dafür sorgen, die Impfbereitschaft im Land zu erhöhen. Unter dem Slogan „Leben statt Lockdown. Lass’ Dich impfen“ wollen die Betreiber der Aktion Plakate in ihre Schaufenster hängen, mehrsprachige Broschüren auslegen und in den sozialen Medien für den Piks in den Oberarm werben.. Sie verbindet die Angst vor einem möglichen weiteren Lockdown.

Zusätzlich gibt es in jüngster Zeit vermehrt Impfaktionen an Orten, an denen zahlreiche Menschen zusammenkommen, beispielsweise in Fußballstadien. So konnten sich Fans vor und nach vielen Bundesligaspielen vor Ort impfen lassen. Dazu aufgerufen hatte Ende Juli die „Initiative Profisport Deutschland“ (IPD) als Zusammenschluss der vier größten deutschen Liga-Organisationen (Fußball, Handball, Basketball, Eishockey). Die IPD umfasst durch ihre Ligen insgesamt 107 Clubs in bundesweit mehr als 80 Städten und Gemeinden. 

Aber auch in Deutschland halten materielle oder finanzielle Impfanreize Einzug. So hat der SC Freiburg für die ersten 1.100 Impfwilligen jeweils eine Freikarte für ein Bundesligaspiel ausgelobt, andere Vereine haben inzwischen nachgezogen. Aktionen wie diese gibt es mittlerweile viele im Land: Freikarten für Zoo und Tierpark, Chips für Fahrgeschäfte durch den Schaustellerverband, Freibier, Donuts, Geschenke. Man könnte die Liste unendlich fortführen. Manche Firmen ködern ihre Angestellten auch mit Gutscheinen – beispielsweise Edeka-Nord: Dort erhalten Angestellte im Großhandel bei einem Piks einen Einkaufsgutschein in Höhe von 50 Euro.

Bringen Impfanreize überhaupt etwas?

Beim Edeka-Einkaufsgutschein soll laut eigener Aussage die Resonanz sehr gut gewesen sein. Auch die kostenlose Bratwurst in Thüringen zeigte angeblich Wirkung: Sie soll die Impfbereitschaft um 80 Prozent gesteigert haben. Jörg Metz, der Leiter des Pandemiestabs der Kassenärztlichen Vereinigung, bestätigte den Erfolg der Aktion. Normalerweise würden pro Tag an der Impfstelle durchschnittlich 140 Impfungen verabreicht, am ersten Aktionstag wurden bis zum Nachmittag jedoch 250 Personen dort geimpft. 

Wissenschaftler sind sich allerdings uneinig über den Nutzen von Impfprämien. Einige Verhaltensökonomen meinen, die Zahlungen könnten Misstrauen schüren und womöglich sogar zu einem Rückgang der Impfbereitschaft führen. Auch Politik und Bundesgesundheitsministerium äußern sich bisher zurückhaltend zu Ideen für Geldprämien. „Hauptanreiz für eine Impfung sollte für alle sein, sich und andere zu schützen“, hieß es.

Dagegen würde Nora Szech, Professorin für politische Ökonomie, Anreize für Impfwillige sehr begrüßen. Sie wollte herausfinden, was die Impfbereitschaft der Menschen positiv beeinflussen würde. Dafür hat sie zusammen mit einer US-Kollegin in den USA mehr als tausend Testpersonen befragt. Das Ergebnis: Prämien in Höhe von 100 Euro würden zu einer Impfbereitschaft von 80 Prozent führen. Bei 500 Euro Prämie soll sogar eine Impfquote von 90 Prozent möglich sein. Die Wissenschaftlerin geht fest davon aus, dass auch in Deutschland zunehmend Impfprämien gezahlt werden. Vor allem Krankenhäuser und Pflegeheime würden über solche Anreize nachdenken. Professorin Szech verweist dabei auf das ifo-Institut, das den ökonomischen Wert der Impfung auf 1.500 Euro pro Person schätze. „Es gibt also viel Spielraum für Kompensationen, um mehr Menschen an Bord zu bekommen.“