Welche Impfabstände sind sinnvoll?


Die Delta-Variante des Coronavirus breitet sich in Deutschland und Europa schnell aus. Deshalb weisen Forscher immer wieder darauf hin: Nur eine vollständige Impfserie scheint vor der Mutante zu schützen, eine Erstimpfung reicht also nicht aus. Vor diesem Hintergrund wird aktuell darüber diskutiert, ob die Abstände zwischen den Impfungen verkürzt werden sollten, um den Anteil der Menschen mit vollständigem Impfschutz schnell zu erhöhen. Was spricht dafür, was dagegen?

England als warnendes Beispiel

Wie schnell die Neuinfektionen wegen der Delta-Variante wieder hochgehen können, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Hier ist die die Zahl der täglichen Neuinfektionen innerhalb eines Monats um fast 500 Prozent explodiert. Die Behörden meldeten am 5. Juli einen 7-Tage-Mittelwert von 25.065 Neuinfektionen. Einer der Hauptgründe ist laut der britischen Regierungsorganisation Public Health England (PHE), dass sich Geimpfte mit nur einer Impfdosis nun deutlich häufiger mit der Delta-Variante infizieren als dies noch bei der Alpha-Variante der Fall war.  

Dazu muss man wissen, dass in England anfangs die Strategie verfolgt wurde, möglichst viele Menschen zunächst mit nur einer Impfdosis zu versorgen. Die reicht aus, damit das Immunsystem erste Antikörper bildet und T-Zellen aktiviert. So lassen sich also in kurzer Zeit viele Personen aus Risikogruppen immerhin teilweise vor dem Coronavirus schützen. Das führte aber dazu, dass weniger Menschen mit einer zweiten Dosis vollständig geimpft wurden. Erst die sorgt dafür, dass sich neutralisierende Antikörper bilden, die den Viruseintritt in die Zelle verhindern. 

Die 1-Dosis-Strategie scheint nun bei einer Ausbreitung der Delta-Variante zum Problem zu werden. Die verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass eine Erstimpfung gegen die Delta-Variante kaum schützt. Eine aktuelle Studie aus Großbritannien belegt, dass die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca nach der ersten Impfdosis nur zu 33 Prozent vor einer Infektion mit der Delta-Variante schützen. Erst durch die zweite Impfdosis stieg der Schutz an – bei Astrazeneca auf 60 Prozent, bei Biontech auf zirka 80 Prozent.

Nur noch drei Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung?

In Deutschland zuständig für die offizielle Empfehlung ist die „Ständige Impfkommission“ (STIKO). Diesem unabhängigen Expertengremium gehören 12 bis 18 ehrenamtliche Experten aus Wissenschaft und Forschung an. Sie werden vom Bundesgesundheitsministerium berufen. Als Grundlage für die Bewertung einer Impfung bewertet die STIKO, wie stark die Beweiskraft der vorliegenden Untersuchungen ist. Zwei Ziele gilt es dabei zu vereinen: Auf der einen Seite eine möglichst gute individuelle Schutzwirkung, auf der anderen Seite ein möglichst großer Effekt auf Bevölkerungsebene.. 

Als Ergebnis dieser Auswertung empfiehlt das Expertengremium aktuell:

• Biontech und Moderna: Für die beiden mRNA-Impfstoffe sollte die Zweitimpfung idealerweise sechs Wochen nach der Erstimpfung erfolgen.

• Astrazeneca: Beim schwedischen Vektor-Impfstoff lautet der Rat, zwölf Wochen zwischen erster und zweiter Dosis verstreichen zu lassen. 

Laut Zulassung wären allerdings auch schnellere Impfserien möglich: Während beim Impfstoff Biontech und Moderna normalerweise sechs Wochen vergehen müssen, ist auch eine Wartezeit von drei Wochen (Biontech) und vier Wochen (Moderna) möglich. Bei dem Impfstoff von Astrazeneca wären es statt zwölf Wochen ebenfalls nur vier.

Mit Blick auf die Delta-Variante hat nun die Politik reagiert: So haben Bund und Länder vor Kurzem beschlossen, dass der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung speziell bei einer Impfung mit Astrazeneca verkürzt werden kann. „Es wird den Hausärzten freigestellt, in Absprache mit ihren Patienten den Abstand zwischen der Erst- und Zweitimpfung innerhalb eines Zeitraumes von vier bis zwölf Wochen festzulegen.“ Auch bei Biontech und Moderna seien kürzere Impfabstände von drei beziehungsweise vier Wochen möglich, sofern Impfstoffe verfügbar seien.

Riskiert man einen schwächeren Schutz bei verkürztem Impfabstand?

Bei den Impfstoffen von Biontech und Moderne gehen Experten davon aus, dass   ein auf vier Wochen verkürzter Impfstand keinen nachlassender Impfschutz bedeutet – wenn beide Impfungen mit dem gleichen Vakzin erfolgen. In der Zulassungsstudie haben 95 Prozent der Probanden den Biontech-Impfstoff innerhalb von maximal 24 Tagen bekommen – die meisten innerhalb von drei Wochen. Ein dreiwöchiger Abstand zur Zweitimpfung war in der Zulassungsstudie somit Standard und auch Grundlage für die spätere Berechnung der Impfstoffwirksamkeit. Moderna empfiehlt mit Blick auf ähnliche Ergebnisse in der Zulassungsstudie einen Abstand von vier Wochen.

Anders ist die Sachlage beim Impfstoff von Astrazeneca. Bei einem verkürzten Impfabstand scheint das Vektor-Vakzin deutlich schlechter zu schützen. Bei einem Abstand von zwölf Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung schütze laut aktuellen Studien Astrazeneca gegen eine Covid-19-Erkrankung zu 80 Prozent. Bei einem Abstand von nur sechs Wochen schütze laut aktuellen Studien von Astrazeneca die Vakzine nur zu  55 Prozent – gegenüber 80 Prozent bei einem Abstand von zwölf Wochen. . Mit Verweis auf diese Daten sprach der Leiter der STIKO, Thomas Mertens, von „wissenschaftlichem Unsinn“, wenn die Impfabstände bei Astrazeneca verkürzt würden. Zudem gebe es in Deutschland immer noch eine Impfknappheit – und es müssten zunächst möglichst viele Menschen mit einer Erstimpfung versorgt werden. 

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schloss sich dieser Ansicht an und plädierte dafür, mit der Zweitimpfung im Rahmen des in der Zulassung vorgesehenen Intervalls zu bleiben. Der Impfexperte Leif Erik Sander von der Charité sagte, angesichts der niedrigen Infektionszahlen könne man mit Ruhe einfach so weitermachen, wie es bisher gut und empfohlen sei. Man wolle etwa bei Astrazeneca keinen Wirksamkeitsverlust riskieren. Und auch Christian Drosten plädiert dafür, in der gleichen Art und Weise weiterzuimpfen.

Wann wird die Kreuzimpfung empfohlen?

Noch einmal anders sieht die Lage aus, wenn zwei verschiedene Impfstoffe gegeben werden. Seit dem 1. Juli gilt die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, nach einer Erstimpfung mit Astrazeneca bei der Zweitimpfung einen mRNA-Impfstoff (Biontech oder Moderna) einzusetzen. Diese Kombination gilt als besonders wirksam und schützt damit besser als eine zweimalige Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca. Das hat zwei Gründe:

• Höhere Wirksamkeit: Laut einer Studie vom Instituto de Salud Carlos in Madrid soll durch die kombinierte Impfstoffgabe die Menge an neutralisierenden Antikörpern nach der zweiten Impfung mit einem Impfstoff wie Biontech oder Moderna stark ansteigen – ein deutliches Indiz für eine schützende Immunität. Auch Untersuchungen aus Großbritannien und Deutschland bestätigen, dass die Kreuzimpfung sicher ist und zu einer guten Immunantwort führt.

• Schnellerer Impfschutz: Der zweite große Vorteil ist der verkürzte Impfabstand. Für Kreuzimpfungen hält die STIKO einen Abstand von vier Wochen für ausreichend – der vollständige Impfschutz wäre also viel schneller erreicht.

Manne Lucha, Gesundheitsminister in Baden-Württemberg, sagte dazu in Stuttgart: „Nach den vorliegenden Studien gehört eine heterologe Impfung zum Besten, was wir derzeit beim Kampf gegen das Coronavirus anbieten können..“ Und weiter: „Mit den verkürzten Impfabständen können sich nun auch noch vor den Sommerferien viele Menschen impfen lassen. Die vierte Welle können wir verhindern.“