Ist die Fußball-EM ein Superspreading-Event?

Die Fußball-EM 2021 findet in diesem Jahr in mehreren europäischen Ländern statt – trotz Corona. Das sorgt für anhaltende Kritik, nicht zuletzt wegen der Delta-Variante. Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach schrieb via Twitter über das Achtelfinale zwischen der deutschen Nationalmannschaft und England: „Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende. Die UEFA ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich.“ Auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, hält die Zuschauermassen „aus epidemiologischer Sicht für nicht gut“. Dass die Finalspiele der EM ausgerechnet in London seien, sei vor allem wegen der gefährlichen Delta-Variante „keine gute Idee“. Auch die EU-Gesundheitsbehörde warnt mittlerweile vor möglichen Infektionen. 

Hotspot Londoner „Wembleystadion“?

Meldungen aus Großbritannien scheinen diese Einschätzung zu befeuern. Mit dem EM-Vorrundenspiel zwischen Schottland und England werden nach jüngsten, offiziellen Angaben knapp 2.000 Neuinfektionen in Verbindung gebracht. 400 von ihnen sollen auf Stadionbesuche im Londonder „Wembleystadion“ zurückgehen, der Rest auf Fans, die entgegen aller Ratschläge und Reisewarnungen nach London gereist waren, um das Spiel in Pubs und beim Public Viewing zu verfolgen. Drei Viertel der Infizierten waren der Behörde zufolge zwischen 20 und 39 Jahre alt, neun von zehn waren Männer. 

Die Zahlen in England sind beunruhigend

Als die EM am 11. Juni begann, verzeichnete England 6.615 neue Covid-19-Fälle am Tag. Am 1. Juli waren es 22.515 Neuinfektionen. Innerhalb von knapp drei Wochen seit Beginn der Fußball-EM hat sich die Zahl der neuen Fälle also mehr als verdreifacht. Umso mehr erstaunt das Verhalten der Briten, was die Bewilligung der Fankapazitäten betrifft: In der Gruppenphase und beim ersten Achtelfinale war die Zuschauerzahl im Londoner „Wembleystadion“ noch auf 21.500 begrenzt worden, für die Partie zwischen England und Deutschland waren 45.000 Fans zugelassen – für die Spiele im Halbfinale und im Finale sind nun sogar 60.000 Fans geplant. Und das, obwohl die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien allein innerhalb der letzten Woche von rund 100 auf 257 hochschoss (Stand: 5. Juli). Ins Stadion durften offiziell bisher zwar nur Personen, die einen negativen Schnelltest vorweisen konnten. Doch von wem und wie genau das kontrolliert wurde, dazu gibt es kaum belastbare Informationen. 

Corona-Infizierte auch an anderen EM-Spielorten

Doch nicht nur in London, auch an anderen Spielorten gab es bereits nachgewiesene Infektionen im Zusammenhang mit der Fußball-EM. In Dänemark mussten sich tausende Zuschauer, die das EM-Spiel ihrer Nationalelf gegen Belgien im Stadion verfolgten, testen lassen. Bei drei Fans waren Infektionen mit der Delta-Variante entdeckt worden. Nach Angaben der dänischen Behörden gibt es mittlerweile 29 Infektionsfälle in Zusammenhang mit den drei EM-Spielen. Corona-„Alarm“ gab es auch nach dem Duell Finnland gegen Belgien, das in St. Petersburg stattgefunden hatte: Finnischen Medien zufolge wurden mindestens 86 Infektionen bei Personen festgestellt, die über die Landesgrenze nach Finnland zurückkehrten. In Finnland schnellte nach dem Spiel die Sieben-Tage-Inzidenz von 8,4 auf 20,7 nach oben.

Sind die Hygienekonzepte der UEFA zu lasch?

Laut Epidemiologe Timo Ulrichs sind die Hygienekonzepte, die in den Stadien gelten, prinzipiell „in Ordnung“. Problematisch wird es allerdings, wenn die Konzepte nicht umgesetzt werden. Außerdem stößt vielen Kritikern auf, dass die Corona-Regeln nicht einheitlich für alle elf betroffenen EM-Stadien gelten. So variierte etwa die geplante Auslastung der Stadien je nach Gastgeberstadt: In Budapest waren 100 Prozent des Stadions ausgelastet und 55.000 Fans strömten in die „Puskas-Arena“. Dagegen war in der Münchner „Allianz Arena“ eine Auslastung vor nur 20 Prozent erlaubt – es duften demnach nur 14.000 Zuschauer ins Stadion. Auch die Hygienevorschriften im Stadion selbst unterschieden sich deutlich. Für das ausverkaufte Budapester Stadion mussten die Zuschauer einen gültigen PCR-Test vorweisen, um eingelassen zu werden. Dagegen war für den Glasgower „Hampden Park“ (25 Prozent Auslastung) überhaupt kein Test notwendig.

Auch der Stadionbesuch in St. Petersburg, wo die Corona-Infektionen zuletzt stark angestiegen waren, war ohne vorherigen Test möglich. Weiterer Kritikpunkt: Masken-Tragen und ein Mindestabstand von 1,50 Metern galten in allen EM-Stadien als verpflichtende Vorgaben, wurden aber je nach Austragungsort nur teilweise oder gar nicht befolgt. Für die letzten vier EM-Spiele in London wurden  Maskenregeln sogar offiziell gelockert: Wenn man im „Wembleystadion“ auf seinem Platz sitze, könne man seine Gesichtsbedeckung abnehmen, verkündete die UEFA am 27. Juni auf ihrer Webseite.

Darüberhinaus lauern im Stadion viele Gefahren – beispielsweise in den oft schlecht belüfteten Logen, Aufzügen und Toiletten. „Wenn hier ein Infizierter seine Viren ausatmet, bleibt diese Wolke relativ lange stehen“, bestätigt Aerosolforscher  Gerhard Scheuch. Problematisch ist desweiteren, was vor und nach dem Spiel passiert. Denn um die Spielorte zu erreichen und zu verlassen, benutzen Zehntausende Fans Busse, Bahnen und vielleicht sogar Flugzeuge. Sie übernachten in Hotels und feiern im Anschluss an das Spiel in Bars.