pulse 1

Wie gefährlich ist die Delta-Variante?

Die Impfquote steigt, die Infektionszahlen sinken – und dennoch wachsen die Corona-Sorgen. Denn Virologen und Epidemiologen blicken beunruhigt auf die Delta-Variante des Corona-Virus, die sich immer weiter in Deutschland ausbreitet. Laut RKI liegt der Anteil dieser sogenannten „indischen Variante“ in Deutschland mittlerweile bei 15 Prozent (Stand 15. Juni): Eine Steigerung von 4 auf 8 auf 15 Prozent innerhalb der vergangenen drei Wochen – damit hat sich der Delta-Anteil in den zurückliegenden Wochen alle sieben Tage nahezu verdoppelt. Dieses Tempo, das auch schon in anderen Ländern beobachtet wurde, hatten Fachleute befürchtet.  „Es ist keine Frage, ob diese Variante hier vorherrschend sein werde, sondern lediglich wann“, sagte dazu Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI).

England als warnendes Beispiel

In Großbritannien ist aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit eine große indische Community gewachsen mit vielen Kontakten und Austausch mit dem Subkontinent. So ist die Delta-Variante vermutlich direkt und vielfach eingeschleppt worden. Dann ging es schnell: Im April traten erste Fälle in England auf, Anfang Mai ging schon ein Viertel aller Infektionen darauf zurück, Anfang Juni war die „englische Variante“ Alpha weitgehend verdrängt. Mittlerweile gehen über 90 Prozent aller Corona-Neuinfektionen auf die Delta-Mutante zurück – und die Kurve der Fallzahlen steigt dramatisch an. Dümpelte die Corona-Inzidenz auf der Insel wochenlang bei zirka 20, schoss sie zuletzt auf über 150 hoch (28.06.2021). Virologen in Großbritannien sprechen bereits jetzt von der „vierten Welle“. Dabei sind in England bereits gut 60 Prozent der Menschen vollständig geimpft. 82 Prozent haben mindestens eine Erstimpfung.

Was macht Delta so gefährlich?

Die Delta-Variante ist ansteckender als alle anderen bisher bekannten Corona-Varianten. Aerosolforscher des Max-Planck-Instituts haben festgestellt: In geschlossenen Räumen reichen wenige Minuten ungeschützter Kontakt mit einem Infizierten, bis eine Ansteckung erfolgt. Während für das ursprüngliche Coronavirus angenommen wurde, dass ein Infizierter, wenn keinerlei Corona-Maßnahmen getroffen werden, im Mittel rund drei bis vier andere Menschen ansteckt, waren es für Alpha bereits rund fünf Ansteckungen. Bei Delta sind es womöglich sogar sieben bis neun. „Das Tückische bei dieser Variante ist, dass Infizierte sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen haben und damit andere anstecken können, bevor sie überhaupt merken, dass sie infiziert sind“, urteilte der Präsident des Weltärzteverbands Frank Ulrich Montgomery.

Was Delta von den Vorgängern unterscheidet, ist nicht nur die höhere Infektiosität. Die Variante führt vermutlich auch zu mehr schweren Verläufen von Covid-19. Auch Kinder und Jugendliche sind vermehrt betroffen, auf die sich das Virus stürzt, nachdem viele ältere „Opfer“ geimpft sind. RKI-Chef Wieler sagte dazu auf der Pressekonferenz vom 25. Juni: Besonders stark grassiere Delta bei den 15- bis 34-Jährigen. Elf Prozent der Delta-Infizierten seien hospitalisiert worden, bei der Alpha-Variante seien es knapp fünf Prozent. „Momentan deuten unsere Meldezahlen darauf hin, dass die Hospitalisierungsrate doppelt so hoch ist“, sagte er.

Warum ist die Mutante ansteckender?

Die genauen Funktionen der Delta-Mutationen sind bisher wissenschaftlich nicht exakt erforscht. Bekannt ist aber, dass die Mutationen dem Virus erlauben, sich einfacher an die Zellen der Menschen zu binden und einigen Immunreaktionen zu entgehen. Das liegt vermutlich an mehreren  Veränderungen des Stachelproteins, mit dem das Virus an menschliche Zellen andockt. Sie könnten zum einen das Eindringen in Zellen etwas vereinfachen und zum anderen die Impfwirkung von gebildeten Antikörpern leicht hemmen. Der amerikanische Forscher Dr. Scott Gottlieb erklärte dazu: „Menschen, die mit der neuen Mutation aus Indien angesteckt werden, tragen eine deutlich höhere Viruslast für einen längeren Zeitraum als die Patienten mit der britischen Variante.“ Sie sind quasi „Superspreader“ und können wiederum mehr Menschen anstecken. Das ist auch der Hauptgrund, warum sich in Ländern wie Großbritannien oder den USA, in denen die Delta-Variante vorherrscht, die Anzahl der Infizierten alle zwei Wochen verdoppelt. Besonders gefährdet sind die Menschen, die nicht geimpft sind.

Wie wirksam sind die Impfstoffe gegen die Delta-Variante?

Experten sind sich sicher: Das Risiko für eine Corona Infektion mit der Delta-Variante  ist auch bei Geimpften höher, weil die Impfstoffe keinen 100 prozentigen Schutz zu bieten scheinen. Geschützt sind Geimpfte jedoch weitgehend vor schwere Krankheitsverläufen. Der Schutz fällt jedoch deutlich geringer aus, wenn man nur einfach geimpft ist.

• Biontech: Mit einer vollständigen Biontech-Impfung lassen sich laut einer jüngsten Studie der britischen Gesundheitsbehörde (PHE) schwere Krankheitsverläufe bei der Delta-Variante ebenso wirksam vermeiden wie bei der Alpha-Variante. Zwei Dosen des Wirkstoffs verhinderten in 96 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung. Der grundsätzliche Schutz vor einer symptomatischen Infektion war allerdings mit 88 Prozent etwas schwächer als bei den herkömmlichen Varianten. Nach nur einer Dosis reduziert der Impfstoff das Ansteckungsrisiko nur um 32 Prozent.

AstraZeneca: Ähnlich ist die Lage  nach der Impfung mit dem Präparat des britisch-schwedischen Pharmakonzerns: Schwere Krankheitsverläufe durch die Delta-Mutante verhindert die Impfung mit einer Quote von 92 Prozent. Der Schutz gegen eine Erkrankung mit Symptomen liegt laut Studie bei 66 Prozent (gegen Alpha) beziehungsweise bei 60 Prozent (gegen Delta). Wiederum gilt jedoch, dass eine erste Dosis keinen großen Schutz bietet: Daten der britischen Regierung zeigen, dass drei Wochen nach der ersten Impfung der Immunschutz nur zu 33 Prozent wirksam  war.

• Moderna und Johnson & Johnson: Die Wirkung dieser beiden Impfstoffe hinsichtlich der Delta-Variante sind laut PHE noch nicht ausgewertet. Erste Experten-Einschätzungen zur Wirksamkeit von Johnson & Johnson fallen aber positiv aus. Allerdings liegen noch nicht genügend Daten vor, um eine eindeutige Aussage zu treffen. Auch mit Blick auf Moderna müssen weitere Untersuchungen angestellt werden. Amerikas bekanntester Immunologe Anthony Fauci ist aber optimistisch. Er gehe davon aus, dass das Präparat von Moderna einen ähnlichen Schutz wie das von Biontech biete, sagte er in der „Washington Post“. Der Grund: Die beiden Impfstoffe würden auf derselben mRNA-Technologie basieren.

Wie sind die Prognosen für Deutschland?

Noch weiß man nicht, wie es mit der Delta-Variante des Coronavirus hier in Deutschland weitergeht. Allerdings warnt SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach seit Wochen gebetsmühlenartig vor den Gefahren der Delta-Variante und sagte erst kürzlich im ZDF: „Es baut sich ein perfekter Sturm für den Herbst auf. Richtig Probleme bekommen dann Ungeimpfte und Kinder – denn die Gruppen sind dann ungeschützt.“ Der Blick nach Großbritannien zeigt deutlich: Eine konsequente Impfstrategie, durchdachte Hygienekonzepte und vor allem eine durchdachte Teststrategie werden wichtiger denn je sein, um eine vierte Welle zu vermeiden oder so niedrig wie möglich zu halten. Wichtig in diesem Zusammenhang: Wer in ein Variantengebiet fährt, läuft Gefahr, das Virus mitzubringen. Das gilt auch für Geimpfte, die zwar kaum erkranken, aber die Erkrankung übertragen können, wie der Chef des Weltärztebundes, Frank-Ulrich Montgomery, betonte.

Um COVID-19 zu beenden, müssen wir daher nicht nur impfen, sondern nach wie vor diagnostische Tests und die Nachverfolgungeinsetzen. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus weiterentwickelt und gefährliche Varianten hervorbringen kann, hängt davon ab, wie viele Infektionen es gibt. Es ist also in unser aller Interesse, die Infektionsraten überall so niedrig wie möglich zu halten.