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Wie können wir auf die nächste Pandemie reagieren?

Es kann jederzeit wieder passieren: Ein neuartiges Virus taucht plötzlich auf und wirft unser normales Leben über den Haufen – so wie jetzt in der Corona-Pandemie. Wie können wir uns auf kommende Virus-Pandemien besser vorbereiten? 

Eine Früherkennung von Pandemien ist möglich, das sollten wir besser nutzen 

Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie, rückt zwei Dinge in den Fokus: n Deutschland habe Schutzkleidung gefehlt, etwa Masken für das medizinische Personal. “Das muss sich künftig ändern, sodass es immer eine Notfallreserve gibt!“ Die zweite große Aufgabe sei, mehr Ressourcen in die Früherkennung und therapeutische Forschung zu stecken. In Zukunft müsse deutlich mehr sequenziert, also das Erbgut von Krankheitserregern analysiert werden. „So können wir herausfiltern, welche Virusarten es in bestimmten Tierarten gibt und wie ähnlich dieses Virus zum Beispiel zu Grippeviren ist.“ Daraus lasse sich ableiten, wie hoch das pandemische Potential solcher Viren ist.

Wissenschaftler aus aller Welt sind sich einig, dass die Überwachung von Risiken und der Wissensaustausch über neue Infektionskrankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden, von entscheidender Bedeutung sind. Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert daher, das Warnsystem deutlich zu verbessern. Die Einführung von mehr Warnstufen würde es ermöglichen, dass Bedrohungen präziser kommuniziert werden könnten. Mit digitalen Technologien für die Erfassung und den Austausch von Daten sowie mit Vorhersage-Analysen könnten die Echtzeit-Kommunikation und Frühwarnungen unterstützt werden, was wiederum eine raschere Reaktion ermöglichen würde.

Wir müssen die europäische Pharmaindustrie reanimieren

Die zweite große Aufgabe sei die Entwicklung breit wirkender antiviraler Medikamente – also eine Art Antibiotikum für Viren: „Hätten wir beispielsweise Wirkstoffe, die gegen Corona generell funktionieren, dann wären wir für zukünftige Pandemien sehr viel besser gerüstet.“ Um Arzneimittel-Engpässen vorzubeugen – sie haben sich durch die Krise verschärft, weil viele Wirkstoffe aus Asien kommen – soll künftig die Produktion wichtiger Güter in Europa gestärkt werden. Eine ähnliche Basutelle existiert bei Impfstoffen Hier war Europa in der Entwicklung mit führend, trotzdem „haben wir hier zu wenig Produktionskapazitäten für Impfstoffe, es wurde zu viel outgesourct“, sagt Thomas Scholz, Virologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Man muss ehrlich sein: Das kostet Geld. Aber wir werden in den sauren Apfel beißen müssen und Geld dafür ausgeben müssen.“ Die Anregung dazu liegt zumindest auf EU-Ebene auf dem Tisch. Künftig will der Staatenbund in der Lage sein, 500 bis 700 Millionen Impfdosen im Jahr zu produzieren – die Hälfte davon während der ersten sechs Monate einer Pandemie. 

Die Politik muss eine länderübergreifende Strategie entwickeln 

Bundeskanzlerin Angela Merkel warb erst Mitte Juni nachhaltig für einen internationalen Pandemievertrag. Damit soll die Kooperationsbereitschaft unter den Ländern zukünftig erhöht und Alleingänge oder Rangeleien bei Pandemien vermieden werden. Die Hoffnung ist, dass eine engere Verzahnung der Länder dazu führt, dass früher gewarnt und schneller gehandelt werden kann. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron setzt sich für den Pandemievertrag und eine deutliche Stärkung der Weltgesundheitsorganisation WHO ein. Das „Warum“ liegt auf der Hand: COVID19 ist eine Herausforderung, die alle betrifft. Keine einzelne Regierung oder Organisation kann künftige Pandemien alleine bewältigen. Ein Vertrag ist ein rechtsverbindliches völkerrechtliches Instrument. Ein internationaler Pandemievertrag unter dem Schirm der Weltgesundheitsorganisation WHO soll die  Pflicht zur Information, eine globale Verteilung der Impfstoffe und die Verteilung von Gesundheitsgütern im Krisenfall zukünftig regulieren. 

Sollte es global nicht klappen, könnte die EU einen Anfang machen. Vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie hatten sich die 27 EU-Staaten über nationale Alleingänge entzweit. Als Schutzkleidung knapp wurde, sorgten einige Länder mit Exportbeschränkungen für großen Ärger. Deshalb drängen Deutschland sowie fünf weitere EU-Staaten (Frankreich, Polen, Belgien, Dänemark und Spanien) auf einen engeren Zusammenschluss innerhalb der Europäischen Union. Ein weiterer wichtiger Punkt: der Austausch vergleichbarer Gesundheitsdaten in den jeweiligen EU-Staaten und die Stärkung der europäischen Seuchenbehörde ECDC. Zudem soll es ab Ende des Jahres einen europäischen Chef-Epidemiologen geben. Damit soll unter anderem die Kommunikation in einer Pandemie verbessert werden. Schließlich soll die Möglichkeit augelotet werden, künftig einen EU-weiten Pandemie-Ausnahmezustand ausrufen zu können. 

Können wir bei der Pandemie-Vorsorge von Taiwan lernen?

Sehr oft wird Taiwan in der Berichterstattung über Corona-Politik als Musterbeispiel demokratischer Regierungspolitik gegen das Virus genannt. In gewisser Weise profitierte Taiwan von seinem Erfahrungsvorsprung im Kampf gegen eine Pandemie: Viele der wichtigen Gesetze und Mechanismen der Infektionsbekämpfung wurden in Folge der SARS-Pandemie 2002/2003 in Taiwan eingeführt. 

Nachfolgend ein Überblick: 

• Spezialkrankenhäuser: In jedem der 22 „Counties“ (Landkreise) muss ein Spezialkrankenhaus ausschließlich für Infektionskrankheiten vorhanden sein. Diese verfügen neben Intensivbetten auch über spezielle Unterdruck-Isolationszimmer für besonders gefährliche Erreger. 

• Schutzausrüstung: Die Anschaffung eines strategischen Vorrats an Masken und Schutzausrüstung ist gesetzlich verankert. In Taiwan richten sich die genauen Lagermengen und Bettenkapazitäten an den Bevölkerungszahlen in den einzelnen Counties.

• Krisenstab:  Bei Ausbruch einer Epidemie hat das „Central Epidemic Command Center“ (CECC) höchste Autorität. Es sorgt für die Zusammenführung von Informationen aus verschiedenen Quellen und koordiniert als Zentralstelle die Arbeit aller anderen Ministerien. Einem Kompetenzgerangel und Flickenteppich von Regeln, wie man ihn teilweise in Deutschland erlebt hat, wird damit vorgebeugt. 

• Grenzschließung: Schon am 31. Dezember 2019 führten die taiwanischen Behörden eine On-Board-Untersuchung der Passagiere auf Direktflügen aus China ein. Diese wurde bis März 2020 schrittweise in eine 14-tägige, verpflichtende Einreisequarantäne für Einreisende aus allen (!) Ländern ausgeweitet. Einreisende wurden am Flughafen in speziellen Taxis oder Bussen abgeholt und zum Ort ihrer Heim- bzw. Hotelquarantäne transportiert. Bei Verstoß gegen die Regeln drohen Bußgelder zwischen 2.500 und 27.000 Euro. 

• Kontaktverfolgung: In Taiwan konnte durch die umfassende und frühzeitige Kontrolle auch die Kontaktverfolgung der bestätigten Fälle viel genauer und präziser erfolgen. Hierzu wurden auch Daten ausgewertet, die der Regierung in Deutschland aus Datenschutzgründen nicht zur Verfügung standen. 

• Schulschließung und Home Office: Ähnlich wie in Deutschland kam es auch in Taiwan zur Schließung von Schulen, der Einführung von Online-Unterricht und der Aufforderung an Unternehmen, die eigenen Mitarbeiter im Home Office arbeiten zu lassen. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass dies als Vorsichtsmaßnahme direkt zu Beginn der Pandemie geschah und nicht erst als verzweifelter Versuch, die exponentiell steigenden Infektionszahlen wieder unter Kontrolle zu bringen. Bereits seit Ende Mai 2020 konnten diese Maßnahmen aufgrund der effektiven Eindämmung des Virus wieder aufgehoben werden. Auch das Tragen von Masken rückte nach und nach in den Hintergrund.

Kann Deutschland also etwas von Taiwan lernen? 

Die bis heute sehr niedrigen Fallzahlen scheinen zumindest zu bestätigen, dass Taiwan aus der SARS-Pandemie 2002/2003 die richtigen Schlüsse gezogen hat. Und viele der Maßnahmen, die in Taiwan nach der SARS-Pandemie getroffen wurden, decken sich mit den Forderungen von Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft hierzulande.

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