Welchen Einfluss hat das Wetter auf die Verbreitung des Corona-Virus?

Kaum war es  sonnig und warm, sanken 2020 die Infektionszahlen.  Wird sich dieser Effekt in diesem Frühjahr wiederholen und – zusammen mit den steigenden Impfraten – uns einen richtigen Sommer bescheren?

Welchen Einfluss hat das Wetter genau?

Mehrere Studien zeigen, dass das Wetter als ein Faktor von vielen die Überlebensdauer des Coronavirus an einem Ort beeinflussen kann. Den selben Effekt kennt man auch bei anderen Viren, beispielsweise den Grippe-Erregern. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bei Wärme und Sonnenschein das Coronavirus schneller zerfällt als an Tagen mit Wolken und Niederschlägen. Der Hauptgrund dafür ist die stärker auftretende UV-Strahlung, die wiederum das Erbgut des Virus schädigt.

Forscher verglichen dazu die Überlebensrate der Viren unter natürlicher UV-Strahlung in Wien (Österreich) und im subtropischen Sao Paulo (Brasilien) sowie in Reykjavik (Island). Es zeigte sich, dass die Strahlungsintensität in Island nur in den Sommermonaten Juni und Juli ausreicht, um Corona-Viren zu neutralisieren. Innerhalb von 30 bis 100 Minuten waren 90 Prozent der Viren vernichtet, nach einem Tag alle Viren. Im äquator-nahen Brasilien ist das während des gesamten Jahres möglich. Und in Mitteleuropa? Dort reicht die UV-Strahlung im Frühjahr, Sommer und Herbst aus, um in akzeptabler Zeit 90 Prozent der Viren abzutöten – im Sommer besonders rasch. 

Andere wissenschaftliche Ergebnisse aus den ersten Monaten der Epidemie zeigen, dass die Verbreitung des Virus bei einer Temperatur zwischen acht und zehn Grad am stärksten ist. Mit steigender Temperatur nimmt die Verbreitung ab. Im Vergleich: Bei 26 Grad ist sie nur noch etwa halb so hoch.

Gibt es weitere Faktoren, die auf ein Sommerloch hoffen lassen?

Ja, die gibt es. Das Wetter beeinflusst auch das Verhalten der Menschen. Im Winter halten wir uns eher in geschlossenen Räumen auf, in der wärmeren Jahreszeit zieht es viele Menschen ins Freie. Wenn sich das ganze Leben verstärkt draußen an der frischen Luft abspielt, ist das Übertragungsrisiko natürlich wesentlich geringer. Aerosol-Physiker Gerhard Scheuch nennt sie sogar gleich null: „Im Außenbereich kann nur dann was passieren, wenn Sie sehr lange und sehr eng mit einer Person zusammenstehen und sich vielleicht direkt gegenüberstehen und unterhalten. Dann stehen Sie in der Aerosol-Wolke Ihres Gegenübers und können sich über eine längere Zeit anstecken.“ 

Immunologen haben zudem herausgefunden, dass im Sommer unser Immunsystem besser mit dem Corona-Virus umgehen kann. In der wärmeren Jahreszeit sind Menschen viel im Freien. Der Körper ist dann vielen möglichen, auch unbekannteren Risiken ausgesetzt, das Immunsystem wechselt auf die angeborene, unspezifische Immunantwort. Mit dieser können Eindringlinge wie Viren anhand bestimmter Schadensmuster schnell erkannt werden. „Unser Immunsystem im Sommer ist besser darin, neue Keime schnell und effizient abzuwehren. Das trifft auch auf Sars-Cov-2 zu“, erklärt dazu die Gießener Immunologin Eva Peters. Das mit Hilfe von Sonnenlicht gebildete Vitamin D stärkt das Immunsystem zusätzlich.

Ist der Sommer also gerettet? 

Wissenschaftler der University of Illinois sehen jedenfalls klare Belege für eine starke Saisonalität von Sars-CoV-2. Sie analysierten für ihre Arbeit die Daten von 221 Ländern und bewerteten sie anhand von Breiten- und Längengrad sowie Temperaturen. Heraus kam eine eindeutige Saisonalität. Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass sie trotz weiterer Risikofaktoren wie Unterversorgung, prekäre Lebensverhältnisse oder politisches Versagen relevant blieb. Auch renommierte deutsche Virologen wie Alexander Kekulé, der Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Klaus Stöhr, ehemaliger SARS-Forschungskoordinator der WHO, rechnen mit einem spürbaren saisonalen Effekt. Das heißt aber nicht, dass sie erwarten, die Pandemie werde allein damit zum Erliegen kommen. 

“Sonne und Wärme werden helfen, aber ab wann, ist schwer vorherzusehen“, sagt Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann. „Im allerallerbesten Fall hat die Saisonalität schon bald eine Bremswirkung von etwa 20 Prozent.“ Allein auf den nahenden Sommer zu setzen, wäre aus Sicht Priesemanns daher fatal – vor allem angesichts der im Vergleich zum Vorjahr immer noch sehr hohen Inzidenz-Werte und der nun vorherrschenden und deutlich ansteckenderen Virus-Variante B.1.1.7 („englische Corona-Mutante“). 

So sieht es auch Charité-Virologe Christian Drosten. „Dass wir 2020 einen so entspannten Sommer hatten, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Fallzahlen im Frühjahr unter einer kritischen Schwelle geblieben sind. Das ist inzwischen aber nicht mehr so“, sagte er im Interview mit dem „Spiegel“. In Spanien etwa seien im Sommer die Fallzahlen nach einem Lockdown wieder gestiegen – trotz Hitze.