Welche Möglichkeiten gibt es aktuell, eine Corona-Infektion zu behandeln?


Noch nie haben so viele Forscher auf der ganzen Welt gleichzeitig nach einem Heilmittel gesucht: Hunderte unterschiedlicher Ansätze werden derzeit untersucht, um wirksame Medikamente zur Behandlung der Lungenkrankheit Covid-19 zu finden. 

Doch es gibt auch viele Gerüchte und Fake News, was im Falle einer Erkrankung mit dem Corona-Virus am besten helfen würde. Viele vermeintlichen Tipps sind blanker Unsinn, manche gefährlich und einige könnten Menschen sogar in lebensbedrohliche Lagen bringen. Donald Trumps Aussagen über Sars-Cov-2 sind dabei nur die Spitze des Eisbergs an Falschmeldungen. Als vermeintliche Wunderwaffe gegen Covid-19 sinnierte er, Bleich- und Desinfektionsmittel direkt in den Patienten injizieren, um die Krankheit von innen zu reinigen.

An dieser Stelle soll mit den häufigsten Gerüchten und vermeintlichen Tipps gegen eine Infektion aufgeräumt und stattdessen der aktuelle Stand an Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

Gibt es bereits Covid-19-Medikamente?

Verschiedene Arzneimittel gegen Covid-19 befinden sich in der Entwicklung. Zurzeit laufen über 4.500 Studien mit mehr als 400 Wirkstoffen. Einige Arzneimittel sind bereits zugelassen, wie etwa Dapagliflozin, einem Diabetes Medikament, das womöglich auch Organversagen bei Covid-19 Patienten verhindert. Diese Medikamente müssen nun in Studien ihre Wirksamkeit für den neuen Einsatzzweck unter Beweis stellen.

 Forscher gehen aktuell allerdings davon aus, dass es nicht „das eine Medikament“ zur Behandlung von corona-erkrankten Menschen geben wird. Denn ein Verlauf mit einer Covid-19-Infektion verläuft meist in mehreren Stadien. Die bestimmen, ob und wann ein Wirkstoff nützlich ist oder sogar schädlich sein kann. Ein Beispiel: Zu Beginn der Infektion vermehrt sich das Virus in den Körperzellen. Das Immunsystem des Körpers wird aktiv und bekämpft die Infektion. Hier sind Medikamente sinnvoll, die das Immunsystem bei seiner Arbeit unterstützen oder selbst gegen das Virus oder dessen Vermehrung wirken – wie Remdesivir. Verläuft die Infektion allerdings schwer, kommt es manchmal zu einer überschießenden Immunreaktion. Dann wäre es schädlich ein Medikament zu geben, das das Immunsystem zusätzlich anheizt. Von daher gibt es nicht das „eine Medikament“, das für alle verschiedenen Stadien und Verläufe der Erkrankung wirksam ist. 

Kann man auf bereits bekannte Medikamente zurückgreifen?

Tatsächlich ist es eine vielversprechende Idee, Medikamente zu nutzen, die für andere Erkrankungen entwickelt wurden. Der Vorteil dabei ist, dass sie die klinischen Testphasen schon durchlaufen haben. Die möglichen Nebenwirkungen wurden schon erforscht. Sie umzufunktionieren ist in der Regel schneller möglich als eine komplette Neuentwicklung. Daran wurde und wird in zahlreichen Studien weltweit geforscht. 

In Deutschland ist Remdesivir als einziges antivirales Präparat zur Behandlung von Covid-19 zugelassen, allerdings nur in ausgewählten Fällen und möglichst für ein frühes Stadium der Erkrankung. Remdesivir ist ein virushemmender Wirkstoff (Virustatikum) und wurde ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelt. Es blockiert die virale „Kopiermaschiene“ (RNA-Polymerase), welche vom Virus benötigt wird, um sich zu vervielfältigen. Es kann also die Vermehrung der Coronaviren in den Zellen hemmen und verhindern, dass diese sich ungehemmt im Körper ausbreiten.

 Studiendaten belegen eine Verkürzung der Krankheitsdauer um 33 Prozent, allerdings nur in schweren Fällen. 

Helfen Grippe-Medikamente? 

Grippe-Medikamente werden im Kampf gegen Covid-19 bereits in einigen Ländern eingesetzt. Dazu gehört beispielsweise das japanische Medikament „Avigan“ enthält den Wirkstoff Favipiravir. Dieser hemmt ebenfalls die RNA-Polymerase der Viren und so deren Verbreitung im Körper. Auch im Kampf gegen Grippe und Ebola kommt Favipiravir zum Einsatz. 2016 etwa lieferte Japan Avigan als Nothilfe zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie nach Guinea. In Ländern wie Russland, Indien oder Indonesien ist Avigan bereits zur Behandlung von Covid-19 zugelassen. In weiteren Ländern wird es als Notfall-Medikament für Erkrankte genutzt, für die es keine andere Behandlungsoption gibt. Auch in Deutschland kann es im Rahmen eines individuellen Heilungsversuches zum Einsatz kommen. Zudem liegen erste positive Ergebnisse einer klinischen Studie vor, sie sollen nun überprüft werden.

In klinischen Studien wird zudem seit Längerem mit HIV-Medikamenten (mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir) geforscht. Die Daten scheinen sich jedoch zu verdichten, dass es keinen Nutzengibt. Auch Studien mit Malaria-Medikamenten, die gegen Viren helfen, haben die zunächst vielversprechenden Prognosen nicht bestätigt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) rät von der Verwendung ab. Ebenfalls in der Testphase befindet sich die gegen Hepatitis C verwendete Substanz Ribavirin.

Helfen Blut-Transfusionen von genesenen Corona-Patienten?

Eine Studie aus China weist auf Erfolge hin. Wer eine Corona-Erkrankung durchgemacht hat, bildet Antikörper gegen die Erreger und ist künftig immun. Die Abwehrkräfte anderer sollen schwerkranken Covid-19-Patienten helfen. Mehrere Kliniken in Deutschland suchen zurzeit genesene Personen, die Blutplasma für eine Behandlung der Schwerkranken spenden. „Das mildert und verkürzt den Krankheitsverlauf“, sagt der Leiter der Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Erlangen, Holger Hackstein. Die Idee, Viruserkrankungen mit Antikörpern aus Blutplasma zu bekämpfen, ist nicht neu. Auch bei Sars 1, Mers und Ebola ist dieses Verfahren zum Einsatz bekommen. „Es ist ein Hoffnungsschimmer“, erläutert Prof. Dr. Hackstein. „Ob es sich um einen Durchbruch handelt, werden wir erst sehen, wenn die kontrollierten Studien vorliegen.“

Einen ähnlichen Ansatz verfolgen Forscher aus den USA, wo derzeit im Labor künstlich hergestellte Antikörper für ihren Einsatz bei Corona Infizierten getestet werden. Auch der damalige Präsident Trump erhielt während seiner Erkrankung ein experimentelles Präparat mit künstlichen Antikörpern. So vielversprechend diese Präparate sind, die Herstellungskosten sind enorm und der Behandlungsaufwand groß. Für den breiten Einsatz macht sie das ungeeignet. 

Eine weitere Alternative könnten Antikörper liefern, die natürlicherweise bei Alpakas und Lamas vorkommen. Sie sind deutlich kleiner als menschliche Antikörper und dadurch billiger in der Herstellung. Die Forschung für ihren Einsatz in der Behandlung von Corona steht derzeit jedoch noch am Anfang. 

Was ist mit Kortison und anderen Immunhemmern?

Etwa sechs bis zehn Tage nach der Ansteckung beginnt bei Patienten mit schweren Krankheitsverläufen die Phase der Immun-Dysregulation: Es kommt zu unkontrollierten Überreaktionen des Immunsystems. Dabei greift das Immunsystem im Kampf gegen das Virus auch den eigenen Körper an und löst dadurch lebensgefährliche Entzündungsreaktionen in verschiedenen Organen aus. Bei der Therapie werden Entzündungshemmer verwendet, vor allem Kortison beispielsweise enthalten in dem Medikament Dexamethason. Die Substanz wirkt entzündungshemmend und dämpft das Immunsystem. In Studien konnte Dexamethason die Sterblichkeit bei beatmeten Covid-19-Erkrankten um ein Drittel senken, bei Betroffenen, die lediglich Sauerstoff benötigten, um etwa ein Fünftel. Ein weiterer Therapieansatz ist die Gabe von Gerinnungshemmern. Sie sollen das Blut flüssig halten und Schäden an Organen verhindern. Autopsien verstorbener Corona-Patienten zeigten, dass sich in verschiedenen Organen viele kleine Blutgerinnsel gebildet haben.

Kann die Einnahme von Antibiotika als Vorbeugung helfen?

Es gab Gerüchte, dass Antibiotika präventiv gegen eine Infizierung mit Covid-19 helfen und auch bei der Behandlung der Krankheit hilfreich sein sollen. Vorsicht – das sind Fake News! Antibiotika werden nur eingesetzt, wenn neben Covid-19 auch eine bakterielle Infektion vorliegt. Da es sich bei Corona um einen Virus handelt, können Antibiotika nicht helfen. 

Auch hilft es nicht, täglich acht Knoblauchzehen zu essen, Zwiebeln auszusaugen oder sich mit Chlor, Sesamöl oder Kuhdung einzureiben – keiner dieser Ratschläge kann vor dem Coronavirus oder einer Infektion mit Covid-19 schützen.

Anders sieht es bei Vitamin-D aus, das bereits zu Beginn der Pandemie als Wundermittel gehandelt wurde. Hier zeigen Studien, dass der Vitamin-D-Spiegel womöglich tatsächlich einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben könnte. Vitamin D-Mangel scheint demnach schwere Verläufe einer COVID-19 Infektion zu begünstigen. Das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) rät jedoch von einer vorsorglichen Einnahme von Vitamin D-Präparaten ab. „Die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln kann vor allem für Menschen sinnvoll sein, die einer Risikogruppe für eine unzureichende Vitamin-D-Versorgung angehören“, so das BfR in einer Veröffentlichung. Da Vitamin D in zu hohen Dosierungen toxisch auf den Körper wirkt, sollte im Zweifelsfall der*die Hausarzt*in zu Rate gezogen werden und über ein Blutbild ermittelt werden, ob ein Mangel vorliegt. Sofern der Vitamin D-Bedarf des Körpers ausreichend gedeckt ist, besteht nach derzeitiger Studienlage kein Nutzen darin weitere Vitamin D-Präparate einzunehmen. 

Ein Allheilmittel gibt es also nach wie vor nicht. Daher gilt : Vorsicht ist besser Nachsicht. Auch wenn es keinen hundertprozentigen Schutz vor dem Coronavirus gibt, lässt sich das Ansteckungsrisiko mit einfachen Maßnahmen deutlich senken. Beachten Sie bitte – auch bei sinkenden Infektionszahlen – die AHA+L-Regel, nutzen Sie das Testangebot Ihrer Stadt oder Gemeinde und lassen Sie sich einmal in der Woche kostenlos auf das Coronavirus testen. So schützen Sie sich und andere vor Infektionen gegen Covid-19 am besten.