Wer hat das höchste Risiko, schwer an Corona zu erkranken?

Als Faustregel galt bisher: Je älter die Menschen sind, desto höher ist das Risiko, an einer Corona-Infektion zu sterben. Doch ganz so einfach ist es nicht, wie eine aktuelle Studie zeigt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat in Zusammenarbeit mit den Gesetzlichen Krankenkassen die Daten von rund 30 Millionen Versicherten ausgewertet. Darin enthalten waren beispielsweise Informationen über die Dauer der Corona-bedingten Krankenhausaufenthalte sowie Vorerkrankungen. Seitdem ist klar, dass eine rein am Alter orientierte Impfreihenfolge gegen Sars-Cov-2 nicht optimal ist. Besser sei die Ausrichtung an bestimmten Krankheiten. 

Welche Personen zählen zu den Risikogruppen?

Gelingt es dem Körper nicht, dass Virus mit einer frühen robusten Immunantwort sofort in Schach zu halten, steigt das Risiko für schwere Verläufe. Hat das Sars-Cov2-Virus im Körper erst einmal die Kontrolle übernommen, breitet es sich in den Atemwegen aus, bis hinunter in die Lunge. Auch in weiteren Organen wie Niere und Hirn kann es sich festsetzen. Es kann zu schweren Entzündungsreaktionen kommen, die im schlimmsten Fall ein Multiorganversagen auslösen.

Das höchste Risiko: Krebs, Demenz und Down Syndrom

Ein besonders hohes Risiko für schweres Covid-19 haben den Studienergebnissen zufolge vor allem Patienten mit hämato-onkologischen Erkrankungen. Zu diesen Erkrankungen zählen etwa Blutkrebs (Leukämie), aber auch bösartige Tumore wie Brustkrebs oder Lungenkrebs. Dass Krebs so weit oben in der Liste steht, liegt nicht nur an der Erkrankung selbst, sondern auch an den Therapieformen. Krebspatienten erhalten häufig Immunsuppressiva – das sind Substanzen, die die Funktionen des Immunsystems vermindern.

Auch Menschen mit Demenz und dem Down-Syndrom zählen der RKI-Erhebung zufolge zu den am meisten von Corona bedrohten Personengruppen.

Erhöhte Gefahr bei Herzproblemen

Herzerkrankungen, etwa nach einem Herzinfarkt oder bei einer fortgeschrittenen Herzschwäche, erhöhen ebenfalls das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Dieser „Trend“ zeigt sich auch bei jüngeren Herzpatienten: Bei ihnen ist das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf vergleichbar mit dem von deutlich älteren Patienten ohne Herzerkrankung (über 75 Jahre). 

Atemwegserkrankungen sind häufig mit einer zusätzlichen Belastung des Herzens verbunden. Wenn die Lunge nicht voll funktionstüchtig ist, muss das Herz entsprechende Mehrarbeit leisten, um den Organismus weiterhin mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Bei vorliegender Herzschwäche bzw. anderen Herzerkrankungen kann es daher sehr schnell zu einer Überlastung des Herzens kommen. Zusätzlich kann das Herz selbst von Coronaviren angegriffen werden. Nicht selten entwickelt sich daraus eine potenziell lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung.

Keine erhöhte Gefahr bei Asthma – wohl aber bei schweren Atemwegserkrankungen

Nach aktueller Studienlage ist Asthma kein eigenständiger Risikofaktor für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung. Dagegen gelten Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen der Atemwege, etwa einer COPD, laut RKI zu den gefährdeten Personen. COPD ist eine dauerhaft atemwegsverengende Lungenkrankheit – rund 15 Prozent der Menschen in Europa über 40 Jahren leiden an ihr. Patienten mit COPD haben zwar kein höheres Risiko als andere Menschen, sich zu infizieren und an Covid-19 zu erkranken, sie haben aber das Risiko eines schweren Verlaufes. 

Beide Krankheiten, Corona und COPD, gehen mit Atemnot einher. Die Probleme, die COPD-Betroffene sowieso schon mit der Luftversorgung haben, verschlimmern sich bei einer zusätzlichen Covid-19-Erkrankung. Dadurch kann viel schneller als bei anderen Patienten eine künstliche Beatmung notwendig werden. COPD-Erkrankte sind zudem besonders anfällig für Lungenentzündungen und Lungenversagen.

Schwere Grunderkrankungen belasten das Immunsystem 

Darüber hinaus können alle schweren dauerhaften Grunderkrankungen – beispielsweise chronische Nierenerkrankungen, chronische Lebererkrankungen (etwa Fettleber oder Leberzirrhose), chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder entzündliches Gelenkrheuma – mit einem erhöhten Risiko verbunden sein. 

So können die Abwehrkräfte beispielsweise stärker geschwächt sein, wenn bei einem Patienten wegen einer akuten Verschlechterung der Grunderkrankung vorübergehend die Einnahme von Kortisontabletten in höherer Dosis nötig ist.

Übergewicht begünstigt Entzündungsreaktionen

Laut einer Studie sind 67 Prozent der Männer in Deutschland und 53 Prozent der Frauen übergewichtig. Als übergewichtig gilt jemand, der einen Body-Mass-Index (BMI) von über 25 hat. Fettleibigkeit (Adipositas) beginnt ab einem BMI von 30. Dass Übergewicht einen schweren Verlauf von Covid-19 begünstigt, hat mehrere Gründe. 

Als Ursachen werden die chronischen Entzündungsreaktionen im inneren Fettgewebe vermutet. Außerdem stört viel Fettgewebe im Körper die Ausdehnung der Lunge beim Einatmen und damit die Lungenfunktion. Eine Studie aus den USA zeigte, dass das Risiko bei einer Adipositas I (BMI 30-35) um 35 Prozent, bei einer Adipositas II (BMI 35-40) um 51 Prozent und bei einer Adipositas III (BMI 40 bis 45) um 71 Prozent anstieg. Bei einem BMI über 45 war das Risiko an COVID-19 zu sterben sogar um 108 Prozent erhöht, also mehr als verdoppelt. 

Diabetes belastet den Stoffwechsel

Diverse Studien zu Diabetes und Sars-Cov-2 haben bereits eine etwa zwei- bis dreifach erhöhte Sterblichkeit durch Covid-19 bei Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Personen ohne die Stoffwechselerkrankung beobachtet. Vor allem nach langjährigem, schlecht eingestellten Diabetes und wenn dieser schon Folgekrankheiten wie einen Herzinfarkt verursacht hat, ist von einem erhöhten Risiko  auszugehen. Außerdem können fieberhafte Infektionskrankheiten die Blutzuckereinstellung auch bei gut behandelten Diabetikern verschlechtern. 

Mehr als 90 Prozent der an Diabetes Typ 2 Erkrankten haben auch starkes Übergewicht. So steigt das Risiko, an dieser Diabetesform zu erkranken, ab einem Body-Mass-Index von 27 um 100 Prozent an. Adipositas begünstigt wiederum Folgeerkrankungen wie Fettleber, Bluthochdruck sowie Herz- und Gefäßerkrankungen.