Was bedeuten die Kennzahlen zum Coronavirus – und was sagen sie aus?


Im Café sitzen, shoppen oder nach 22 Uhr noch vor die Tür gehen – ob diese Dinge erlaubt sind, bestimmt eine Zahl, die vor gut einem Jahr kaum jemand kannte: die Sieben-Tage-Inzidenz. Doch ist sie nach wie vor das beste Maß, um die Dynamik der Pandemie abzubilden? 

Immer mehr Menschen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sehen diese Vorgabe skeptisch und fordern ein Umdenken. Zwar bleibe das oberste Ziel der Maßnahmen nach wie vor, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Doch Kontaktverbote und Schulschließungen dürften nicht von einer einzigen Zahl abhängig gemacht werden. Stattdessen sollten weitere wichtige Kennzahlen in die Einschätzungen des Pandemiegeschehens einfließen und bei der Aufstellung der geltenden Regeln und Einschränkungen berücksichtigt werden. Doch welche Kennzahlen gibt es überhaupt – und was sagen sie aus?

Was bedeutet der „Inzidenzwert“?

Die Inzidenz zeigt an, wie viele Menschen über einen bestimmten Zeitraum hinweg neu erkrankt sind. Man könnte den Inzidenzwert auch Neuerkrankungsrate nennen. Das Robert Koch Institut (RKI) definiert die Inzidenzfälle wie folgt: „Inizidenzfälle sind Personen, die in einem bestimmten Zeitraum in einer Bevölkerung von einem gesunden Zustand in einen kranken Zustand wechseln.“ Um einen genaueren Überblick über das Infektionsgeschehen zu bekommen, wird während der Corona-Pandemie die „7-Tage-Inzidenz“ betrachtet. Das heißt: Wie viele Menschen haben sich pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen mit Corona angesteckt? Dieser Inzidenzwert wird täglich vom RKI erhoben. Um die Pandemie einzudämmen, wird langfristig ein möglichst niedriger „7-Tage-Inzidenzwert“ angestrebt. 

Da die Werte immer auf 100.000 Personen hochgerechnet werden, hat die die „7-Tage-Inzidenz“ gerade in kleinen Orten und Gemeinden aber auch Schwachstellen. Infizieren sich beispielsweise sechs Personen in einer 1.000-Einwohner-Gemeinde, sei es auch nur eine Familie, dann führt das zu einer Inzidenz von 600 – und das Gesamtbild der Pandemie an diesem Ort wäre verzerrt.

Was bedeutet der „R-Wert“?

Das „R“ steht für die Reproduktionszahl. Diese bezeichnet die Anzahl der Personen, die im Durchschnitt von einem mit dem Corona-Virus infizierten Menschen angesteckt werden. Man könnte den R-Wert somit auch Ansteckungsrate nennen. Der „R-Wert“ wird während der Corona-Pandemie über mehrere Tage rückwirkend berechnet: Liegt der „R-Wert“ bei 1 heißt das, dass im Schnitt ein Corona-Infizierter einen gesunden Menschen ansteckt. Ist der Wert kleiner als 1, gibt es immer weniger Neuinfektionen. Wenn der Wert über 1 liegt, dann steigt die Zahl der Neuinfektionen, die Krankheit breitet sich weiter aus. Weil der „R-Wert“ eine exponentielle Größe ist, haben schon geringe Veränderungen große Auswirkungen – und das Gesundheitssystem gerät sehr schnell an seine Grenzen. 

Ein Beispiel: Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass sich bei einem „R-Wert“ von 2,0 nach 140 Tagen ungebremster Ausbreitung in Deutschland 20 Millionen Menschen mit dem Corona-Virus infiziert hätten. Laut Berechnung entspräche dies über 7 Millionen Fällen, die im Krankenhaus behandelt werden müssten. Deshalb war die Nervosität in Deutschland groß, als der „R-Wert“ am 11. April mit 1,3 seinen bisherigen Höchststand erreichte. Je deutlicher der R-Wert unter 1 liegt, desto eher ist die Politik zu Lockerungen der Corona-Maßnahmen bereit.

Was zeigt das Intensivregister an?

Ein Grund, warum es wichtig ist, das Infektionsgeschehen einzudämmen, ist die drohende Überlastung des Gesundheitssystems. In letzter Konsequenz heißt das: Sind zu viele Menschen infiziert, können nicht mehr alle schweren Fälle auf den Intensivstationen behandelt werden. Zwar ist die Zahl der Betten nicht das größte Problem. Dass es zu wenig medizinisches Personal gibt, ist viel problematischer. Dennoch lassen sich aus der Belegung der Betten Schlüsse ziehen: Sind viele Betten belegt, brauchen wir genug Personal – und da wird es aktuell eng. 

Regelmäßig wird im DIVI-Register (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) aufgelistet, wie groß die freien und belegten Behandlungskapazitäten in der Intensivmedizin von etwa 1.300 Akutkrankenhäusern in Deutschland sind. Zusätzlich registriert die DIVI die aktuellen Fallzahlen der Covid-19-Patienten auf der Intensivstation, um Engpässe schnell zu erkennen. In diesen Fällen können die Kliniken kooperieren und eventuell Patienten voneinander übernehmen. 

Wann sind Krankenhäuser überlastet? 

Bei der Frage, ob die Krankenhäuser derzeit überlastet sind, kommen Experten zu unterschiedlichen Einschätzungen. Reine Zahlen und Statistiken helfen nicht immer weiter. Nur ein Beispiel: In den ersten beiden Infektionswellen, im Frühjahr und Herbst 2020, waren die Infizierten eher aus der Altersgruppe über 80 Jahren. Das momentane Infektionsgeschehen findet nun meist in den jüngeren Altersgruppen statt. Wie der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek kürzlich mitteilte, seien in der dritten Corona-Welle die Patienten nicht nur jünger, sondern lägen auch länger auf den Intensivstationen als noch in der zweiten Corona-Welle.

Dass ein jüngerer Patient mehr als vier Wochen auf der Intensivstation liege, sei keine Seltenheit. Die Fälle würden das System also mehr belasten als etwa die Fälle im November. Neben dem Alter sind auch die besseren Behandlungsmöglichkeiten, die es inzwischen für Corona gibt, ausschlaggebend. Viele Patienten, die nun Wochen und Monate auf der Intensivstationen verbringen, wären zu Beginn der Pandemie noch rasch und unvermeidlich ihrer schweren Infektion erlegen.

Welche Auslastung hatten die Krankenhäuser bisher in der Pandemie?

Laut DIVI-Intensivregister (Stand: 5. Mai 2021) sind momentan 4.838 Covid-Patienten bundesweit auf Intensivstationen untergebracht, in der Spitze lag die Belegung bundesweit sogar bei 5.762 Betten. Rund 60 Prozent werden beatmet. Zum Vergleich: Während der ersten Coronawelle waren in der Spitze maximal 2.905 Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt. 

„Auf den Intensivstationen ist eine Auslastung von 80 Prozent die absolute Obergrenze“, sagt Steffen Weber-Carstens von der Berliner Charité. Denn Kliniken müssten trotz der Corona-Pandemie für den Alltagsbetrieb freie Intensivplätze bereithalten. Sonst könnten etwa die Opfer eines größeren Autounfalls oder zwei, drei Schlaganfallpatienten an einem Tag nicht mehr adäquat versorgt werden. 

Fakt ist: Ein Covid-19-Patient beansprucht weitaus mehr Pflegepersonal als ein durchschnittlicher Intensivpatient. Deshalb kann auch eine Intensivstation mit freien Betten „voll“ sein – wenn es kein Personal mehr gibt, das die Kranken versorgen kann. Vor allem Corona-Patienten, die an Beatmungsgeräten angeschlossen sind, sind sehr pflegeintensiv. Die ganz schweren Fälle müssen beispielsweise alle 16 Stunden gewendet werden. Damit sind gleich fünf Pflegerinnen und Pfleger mehr als eine Stunde beschäftigt – das ist überdurchschnittlich lange. Hinzu kommen die umfangreichen Hygienemaßnahmen, die das Personal und andere Patienten vor einer Infektion schützen sollen. 

Immerhin zeigte Anfang Mai die Kurve auf den Intensivstationen wieder leicht nach unten. DIVI-Präsident Prof. Dr. Gernot Marx sagte daher Anfang Mai: „Die Lage ist angespannt. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen sinken wird. Das hängt dann unmittelbar mit den Maßnahmen der Bundes-Notbremse wie auch dem deutlichen Fortschritt beim Impfen zusammen.“

Wie tödlich ist Corona wirklich? 

Um das auszurechnen, setzt man die Zahl der Toten – bisher rund 84.000 (Stand 05.05.2021) – ins Verhältnis zur Zahl der insgesamt Infizierten (3,48 Millionen). Danach sterben in Deutschland rund 2,4 Prozent der Erkrankten. Diese Zahl überschätzt das Sterberisiko jedoch wegen der Dunkelziffer an nicht diagnostizierten Infizierten. Denn von den leichteren Fällen bleiben viele unerkannt. Das verzerrt das Sterberisiko.

Hier hilft der Wert der „Übersterblichkeit“ weiter: Sie beschreibt, wie viel mehr Menschen in einem Jahr sterben als im Durchschnitt. Zur ihrer Berechnung vergleicht man den Durchschnitt der Zahl der Verstorbenen in den vier Vorjahren mit denen des aktuellen Jahres. Rechnet man heraus, dass die deutsche Bevölkerung immer älter wird und auch deshalb mehr sterben, lag die Übersterblichkeit 2020 bei etwa 3 bis 4 Prozent. Die „Übersterblichkeit“ ist jedoch sehr ungleich verteilt: Unter den Jüngeren gab es praktisch keine Übersterblichkeit. Bei den über 80-Jährigen lag sie dagegen coronabedingt bei etwa 6 Prozent. Doch auch hier gilt es wiederum zu beachten, dass die Lockdown Maßnahmen auch andere Erkrankungen, als Corona eingedämmt hat. So blieb in diesem Jahr beispielsweise die übliche Grippewelle aus.

Welche Corona-Zahl oder Statistik ist am wichtigsten?

Die Zahl der Neuinfektionen ist nach wie vor der wichtigste Indikator, um das aktuelle Infektionsgeschehen in Deutschland zu verstehen. Vor allem die daraus abgeleitete 7-Tage-Inzidenz zeigt deutlich, wie stark einzelne Städte oder Landkreise von Corona betroffen sind. Daher ist der Inzidenzwert auch die Entscheidungsgrundlage für die Verschärfung oder Lockerung der geltenden Eindämmungsmaßnahmen. Die Reproduktionszahl R, Verdopplungszeiten oder prozentuale Trendzahlen können ebenfalls dabei helfen, die Entwicklung der Pandemie besser zu verstehen. Die Zahl der Todesfälle ist wichtig, um die Schwere einer Pandemie, auch im Vergleich zu anderen Krankheiten, zu bewerten. Andere Statistiken, wie beispielsweise die Zahl der belegten Intensivbetten, können dabei helfen, die zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems zu messen. Angaben zur Zahl der durchgeführten Test können nützlich sein, um die Effizienz des Testsystems zu bewerten.

Die Wahl der richtigen Zahl ist nicht immer einfach und jede Statistik hat gewisse Einschränkungen. Trotzdem ist es wichtig, einen Leitindikator wie etwa die 7-Tage-Inzidenz festzulegen, um eine einheitliche Entscheidungsgrundlage zu schaffen.