Was ist „Long Covid“?

Immer mehr Menschen berichten, dass sie nach einer durchgemachten Corona-Infektion nicht auf die Beine kommen und total erschöpft sind. Noch Wochen und Monate nach der Erkrankung leidet ihre Konzentration, viele sind extrem müde, andere können nicht frei atmen. Die Betroffenen haben dafür den Begriff „Long Covid“ geprägt, Ärzte sprechen eher von „Post Covid“. Die Beschwerden betreffen auch viele Menschen, deren Sars-Cov-2-Erkrankung nur mild, mit leichten oder sogar ganz ohne Symptome verlaufen war. 

Was genau ist „Long Covid“ überhaupt?

Bei „Post-Covid“ bzw. „Long Covid“ handelt es sich um Spätfolgen nach einer Corona-Erkrankung. „Post-Covid“ leitet sich vom Lateinischen Wort „post“ („nach“) ab. Es bezeichnet Symptome, die nach einer Infektion mit dem Sars-Cov-2-Virus und einer Covid-19-Erkrankung auftreten. Üblicherweise spricht man von Spätfolgen, wenn Symptome noch 28 Tage oder länger nach der Infektion mit dem Sars-Cov-2-Virus vorliegen. Dabei kann es sich um Beschwerden handeln, die schon während der akuten Corona-Erkrankung auftraten und immer noch anhalten. Es können aber auch Beschwerden sein, die sich erst deutlich nach der Erkrankung entwickelt haben. Ein schwerer Husten zum Beispiel kann bereits während der akuten Infektion vorhanden gewesen sein und den Betroffenen auch noch mehr als zwölf Wochen danach quälen. Eine Luftnot kann aber auch im späteren Verlauf erstmals auftreten.

Auf viele Fragen, die Long-Covid betreffen, gibt es noch keine gesicherten Antworten. Die Corona-Pandemie ist erst seit etwas mehr als einem Jahr bekannt – ein zu kurzer Zeitraum, um Spätfolgen in Studien ausreichend und gesichert zu erforschen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Spätsymptome sehr unspezifisch ausfallen können und die bisherigen Untersuchungen hierzu nur schwer zu vergleichen sind. Bekannt ist allerdings, dass auch bei anderen Virusinfektionen Langzeitfolgen auftreten können, nicht nur bei einer Corona-Infektion. 

Wie entsteht „Long Covid“?

Die genaue Antwort ist noch nicht endgültig geklärt. An der Yale-Universität, weltweit eine der renommiertesten Universitäten und die drittälteste Hochschule in den USA, forscht man seit Beginn der Pandemie an diesem Phänomen. Die Wissenschaftler haben dazu drei Theorien aufgesetzt: 

• Theorie 1: Die gebildeten Antikörper schaffen es nicht, alle Viren abzutöten. Ein paar Viren bleiben in einzelnen Regionen des Körpers, attackieren ihn von dort immer wieder neu und das Immunsystem reagiert darauf.

• Theorie 2: Es bleiben keine intakte Viren, aber Virusreste zurück. Diese Fragmente attackieren zwar den Körper nicht aktiv, das Immunsystem reagiert dennoch auf sie. Die „Long Covid“-Symptome würden nach dieser Theorie von unserem Immunsystem ausgelöst.

• Theorie 3: Sogenannte Autoantikörper könnten die Ursache sein. Sie bilden sich nach der Infektion, sind aber gewissermaßen fehlgeleitet. Sie attackieren nicht das Virus, sondern den Körper und auch seine gesunden Teile und Gewebe. Dieses Phänomen ist bereits bei einigen anderen Autoimmunerkrankungen bekannt – wie etwa bei rheumatischem Fieber nach einer Streptokokken Infektion. 

Yale-Professorin Akiko Iwasaki erklärte dazu in einem Interview: „Ich glaube mittlerweile, dass bei Menschen mit ,Long Covid’ alle drei Dinge passiert sein könnten. Dann gäbe es drei unterschiedliche Gruppen von Patienten. Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass die Symptome so unterschiedlich ausfallen.“

Wie häufig sind  die Symptome?

Extreme Müdigkeit, Gedächtnislücken, Atemlosigkeit: Laut Schätzungen leidet jeder Zehnte an den Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung. Die Symptome ähneln oft denen einer Demenz. Darüberhinaus treten bei vielen Menschen Muskel- und Gliederschmerzen, Schlafstörungen, Luftnot und Herzklopfen auf. Betroffene berichten, dass sie nicht mehr „normal funktionieren“ würden, sie seien „nicht mehr alltagstauglich“. Jördis Frommhold, Chefärztin der Reha-Klinik Heiligendamm in Mecklenburg-Vorpommern sagt: „Wir haben Patientinnen, die früher als Krankenschwestern tätig waren. Die haben sich auf einmal in der überfluteten Küche wiedergefunden, weil sie vergessen hatten, den Wasserhahn angestellt zu haben. Andere Patienten haben ihr gebackenes Brot nach Tagen im Brotbackautomat wiedergefunden. Das sind oft auch junge Patienten, die sonst nie neurologisch auffällig waren.“ Das am weitesten verbreitete Symptom ist eine tiefe Erschöpfung – selbst kleinste Dinge bereiten den Betroffenen im alltäglichen Leben erhebliche Probleme. Diese extreme Müdigkeit nennt man auch Fatigue, und sie wird im schlimmsten Fall chronisch. 

Sind Langzeitfolgen für die Lunge zu befürchten?

Leider ja. Auch dauerhafte Lungenschäden sind möglich. Denn nicht immer erholt sich das Organ vollständig von Covid-19. Sind die Lungenbläschen durch die Viren zerstört, vernarbt das Gewebe und fällt für den Gasaustausch aus. Da die Lunge bei den meisten Covid-19-Patienten in Mitleidenschaft gezogen wird, kann selbst bei mildem Verlauf und jüngeren Betroffenen eine gewisse Kurzatmigkeit zurückbleiben. Das bedeutet, dass die Lunge nicht mehr optimal arbeitet und der Sauerstoffmangel die körperliche Leistungsfähigkeit einschränkt. Die Coronaviren können auch Entzündungen im ganzen Körper verursachen. So können zum Beispiel Herz, Hirn, Nieren oder Darm betroffen sein. Kardiologen der Berliner Charité gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Covid-Erkrankten mit einem schweren Verlauf Entzündungen am Herz haben. Welche Auswirkungen das langfristig hat, kann bisher noch niemand sagen.

Wer ist betroffen?

Die weit verbreitete Ansicht, dass nur sehr alte oder vorerkrankte Menschen gefährdet seien, ist ein Irrglaube. Dr. Daniel Vilser, Leitender Oberarzt und Kardiologe am Uniklinikum Jena, sagt: „Wir wissen, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder in erheblichem Maß von Langzeitfolgen nach einer COVID-19-Infektion betroffen sein können. Und das nicht nur nach schweren Verläufen, sondern auch nach milden oder sogar symptomlosen Erkrankungen, wie es gerade bei Kindern oft der Fall ist. Deswegen werden die Langzeitfolgen bei Kindern viel schwieriger als solche wahrgenommen und oft eben nicht diagnostiziert.“  Aktuelle Studien aus Italien zeigten, dass mehr als die Hälfte der Kinder vier Monate nach ihrer Corona-Erkrankung noch mindestens an einer der häufigsten Langzeitbeschwerden leiden und diese bei einem Großteil von ihnen den Alltag beeinträchtigten. 

Bei manchen Erwachsenen sind die Beschwerden so schlimm, dass sie nicht mehr in der Lage sind, in ihr altes Leben zurückzukehren. Das bestätigt auch Dr. med. Jördis Frommhold: „Wir haben immer wieder Patienten, die nicht mehr in ihren alten Beruf zurückkehren können. Das trifft häufig auch Personen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren.“

Wie sind die Prognosen bei „Long Covid“?

Betroffene können behandelt werden. Da die Spätsymptome von Covid aber sehr unspezifisch und manchmal schwer zu beurteilen sind, auch in Bezug auf bleibende Schäden, ist es ratsam, dass sich Betroffene regelmäßig in einer der extra eingerichteten Post-Covid-Ambulanzen vorstellen. Der Weg zurück ins normale Leben kann für Long-Covid-Betroffene lang sein. Selbsthilfegruppe, die sich in den vergangenen Monaten gebildet haben, können ebenfalls eine unterstützende Anlaufstelle sein.

Klar ist: Das Phänomen „Long Covid“ entkräftet das Argument, dass das Coronavirus für junge Leute oder Menschen ohne Vorerkrankung grundsätzlich nicht gefährlich sei. Nur wer eine Infektion vermeidet, riskiert auch keine Langzeitfolgen.